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Deutsche Entwicklungszusammenarbeit in Zentralasien

„Ehrlicher Makler“

In der Entwicklungszuammenrbeit ist Deutschland innerhalb der EU mit Abstand der größte bilaterale Geber in Zentralasien und ein wichtiger Ansprechpartner

Von Michael Heine

Man sieht es ihrer fahlen Gesichtshaut an, dass sie krank sind. Man hört es an ihrem rasselnden Stakkato-Husten, der die ausgemergelten Körper schüttelt. Immer mehr Menschen in Zentralasien sind in den 90er-Jahren an Tuberkulose erkrankt. Seitdem hat sich die Zahl der Tuberkulose-Neuerkrankungen in den fünf zentralasiatischen Republiken mehr als verdoppelt. Betroffen sind vor allem jene Teile der Gesellschaft, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Dieser Prozentsatz ist in den Ländern der Region unterschiedlich hoch, kann jedoch bis zu 40% der Bevölkerung betreffen. Besonders in den Gefängnissen ist die Tuberkulose-Situation verheerend: Neu-Erkrankungen werden nicht entdeckt oder behandelt; durch unzureichende Isolierung der Erkrankten, Mangelernährung und fehlerhafte Behandlung breitet sich die hoch ansteckende Krankheit rasch aus und ist zudem gegen viele der üblichen Tuberkulose-Medikamente resistent geworden.

Dabei ist Tuberkulose eigentlich gut heilbar, wenn sie rechtzeitig erkannt und konsequent behandelt wird. Die KfW Entwicklungsbank hat daher schon im Jahr 2000 verschiedene Projekte zur Eindämmung der Krankheit in Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan ins Leben gerufen, um Diagnose und Behandlung der Tuberkulose nachhaltig zu verbessern. Damit hat sie auch einen Beitrag geleistet, um das Millenniumsziel Nr. 6 der Vereinten Nationen zu erreichen, nämlich HIV/Aids, Malaria und andere Krankheiten wirksam zu bekämpfen. Die aktuellen Zahlen belegen, dass sich die Erkrankungshäufigkeits- und Mortalitätsrate bei Tuberkulose mittlerweile stabilisiert. Die Erkrankungshäufigkeit hat sich etwa in Usbekistan von 85,5 Fällen pro 100000 Einwohner (2002) auf 75,9 (2005) und die Sterblichkeitsrate von 12,3 Todesfällen pro 100000 Einwohner auf 9,8 verringert. „Dies ist unter anderem auf die Strategie der Weltgesundheitsorganisation zurückzuführen, zu der auch ganz wesentlich die fünf Tuberkulose-Vorhaben, die die KfW in Usbekistan im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung umgesetzt hat, beigetragen haben“, so Jens Clausen, KfW Länderbeauftragter für Zentralasien. Rund 33 Millionen Euro hat das BMZ über die KfW bereits insgesamt zur Tuberkulose-Bekämpfung in Zentralasien zur Verfügung gestellt. Mit den deutschen Beiträgen werden Medikamente und Laborausstattungen zur Diagnose beschafft, medizinisch-technische Geräte, Fahrzeuge und Beratungsleistungen finanziert.

Der Armutsbekämpfung ist eine zentrale Aufgabe der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit Zentralasien – und zudem eine tragende Säule des von der Bundesregierung im März 2002 entworfenen Zentralasienkonzepts. Es ist darauf ausgerichtet, durch eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung zur inneren und äußeren Stabilisierung der zentralasiatischen Republiken beizutragen und die Zusammenarbeit zu intensivieren. Um dieses Ziel zu erreichen, stellt die Bundesregierung jährlich gut 50 Millionen Euro für die entwicklungspolitische Zusammenarbeit bereit. Damit ist Deutschland innerhalb der EU mit Abstand der größte bilaterale Geber in Zentralasien und hat sich als einer der wichtigsten Ansprechpartner in der Region etabliert. „Deutschland wird hier als ehrlicher Makler wahrgenommen“, so GTZ-Zentralasien-Repräsentant Andreas Clausing, „da es keine geostrategischen Interessen verfolgt, sondern Wirtschaftsinteressen.“

Der sehr gute Ruf, den Deutschland in Zentralasien genießt, ist auch auf die langjährige Präsenz in der Region zurückzuführen: So eröffnete Deutschland bereits Anfang der 90er-Jahre seine ersten Botschaften und ist bis heute das einzige EU-Land mit Botschaften in allen fünf Ländern. In Tadschikistans Hauptstadt sind seit 2005 die KfW, die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) und andere nicht-staatliche Akteure wie etwa die Deutsche Welthungerhilfe unter dem Dach des „Deutschen Hauses“ in Duschanbe vereint. Auch für die Partner in Tadschikistan erleichtert dies die Zusammenarbeit.

Die Schwerpunkte der Entwicklungszusammenarbeit mit Tadschikistan liegen vor allem in der Wirtschaftsentwicklung, der Grundbildung und des Gesundheitswesens. Die tadschikische Regierung hat ein „Socio Economic Development Program“ ins Leben gerufen, das sich zum Ziel gesetzt hat, den Anteil der Privatwirtschaft am BIP von 40 Prozent (2005) auf 60 Prozent (2010) zu erhöhen. Analog zu dieser Zielvorgabe bemüht sich die deutsche Entwicklungszusammenarbeit den für das Land enorm wichtigen Sektor der Kleinst-, Kleinen und Mittleren Unternehmen (KKMU) zu fördern. So engagieren sich sowohl die GTZ, der DED wie auch die KfW im Bereich der Mikrofinanzdienstleistungen und Beratung für KKMUs. Die Deutsche Welthungerhilfe unterstützt Kleinbauern in Tadschikistan durch die Bereitstellung von Saatgut, gibt Schulungen zu Anbau, Lagerung, Weiterverarbeitung und Vermarktung der landwirtschaftlichen Produkte.

Auch die Bildung spielt bei der Förderung des Privatsektors in Tadschikistan und den vier übrigen zentralasiatischen Republiken eine herausragende Rolle. Denn sie ist wesentliche Voraussetzung für die Herstellung am Weltmarkt konkurrenzfähiger Produkte, für Wirtschaftsreformen, für den Aufbau marktwirtschaftlicher Strukturen und eine positive gesellschaftliche Entwicklung. Die Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH (InWEnt), die sich besonders in Kasachstan engagiert, begegnet den Bildungsdefiziten mit einem Programm zur „Unterstützung der Wirtschaftsreformprozesse durch berufliche Bildung“. Das in Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan ansässige Projekt versetzt Führungskräfte in die Lage, ihre Bildungseinrichtungen effizienter zu managen und auf die Bedürfnisse der Privatwirtschaft auszurichten. Die GTZ, der DED, das Centrum für Internationale Migration und Entwicklung (CIM) sowie das Goethe-Institut unterstützen das Projekt als strategische Partner.

Neben den Bereichen Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, Bildung und Gesundheit engagiert sich die deutsche EZ in Zentralasien auch in den Sektoren Umweltschutz und Demokratieförderung. So gibt es überregionale Anstrengungen zur Bekämpfung der fortschreitenden Wüstenbildung, zum Schutz der ausgetrockneten Aralsee-Böden und des landschaftlich einmaligen Biosphärenreservats Issyk-Kul in Kirgisistan. „In Zukunft wird es eine zusätzliche Orientierung auf die Themen Umwelt, Wasser und erneuerbare Energien geben“, sagt Andreas Clausing von der GTZ. Er prognostiziert, dass Zentralasien in Zukunft „eine zunehmend wichtige Rolle“ für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit spielen wird. Erkennbar sei das unter anderem an der EU-Zentralasienstrategie, die 2007 während der deutschen EU-Präsidentschaft initiiert und verabschiedet wurde. Erkennbar ist das auch an der Reise des Bundespräsidenten Horst Köhler im September nach Kasachstan.

11.07.2008
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