Washington, 1978: „The Splendour of Dresden“ – so hieß eine Ausstellung, die über 600000 Besucher anzog. Die barocken Kunstwerke aus Dresden, vor der Wiedervereinigung Teil der DDR, waren wie eine Botschaft aus einer fremden Welt hinter dem Eisernen Vorhang. Die glanzvolle Kunststadt war fast vergessen: ihre unermesslichen Schätze, die prachtvollen Bauten, die malerische Lage an der Elbe. Dabei galt sie Jahrhunderte lang als Magnet für Bildungstouristen. Als Dresden 1945 weiträumig zerstört wurde, glaubte niemand, dass es je zum einstigen Ruhm zurückfinden würde. Umso größer war die Überraschung, als die Nachrichten vom „Splendour of Dresden“ die westliche Kunstwelt erreichten. Doch es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis die Stadt wieder zu sich selbst zurückfand.
Heute ist Dresden zurückgekehrt auf die große Bühne – und genießt viel Aufmerksamkeit dank seines einzigartigen Museumsensembles: Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sind mit 450 Jahren der älteste und – nach Berlin – der zweitgrößte Museumsverbund in Deutschland. Selbst Dresdner sind überwältigt von dem Flair, das von dem im Juni 2010 wiedereröffneten Albertinum ausgeht. Die Sammlungen des Hauses zeigen Gemälde von Caspar David Friedrich bis Otto Dix, Skulpturen von Phidias bis Rodin, Gegenwartskunst von Hermann Glöckner bis Neo Rauch. Im Albertinum hat der Architekt Volker Staab nicht nur ein schwebendes Depot konstruiert, sondern dem Gebäude mit einem grandiosen, überdachten Innenhof ein neues Herzstück verliehen. Im Renaissanceschloss tat es ihm Peter Kulka 2009 gleich und versah einen der Höfe mit einer lichten Wabenkuppel.
Der gebürtige Dresdner Kulka übernahm auch die Gestaltung einer einzigartigen Sammlung, die 2010 erstmals der Öffentlichkeit übergeben wurde: die „Türckische Cammer“. In magischem Halbdunkel spannen sich zwei osmanische Prunkzelte aus dem 17. Jahrhundert über faszinierte Besucher. Reichverzierte Waffengarnituren, Sättel und kunstvolle Textilien vereinen sich zu einer der größten derartigen Kollektionen außerhalb der Türkei. Die Schätze sind vor allem der Sammelleidenschaft und dem Streben nach prunkvoller Machtentfaltung der sächsischen Kurfürsten zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert zu verdanken. Besonders Kurfürst Friedrich August I. (1670–1733) hatte ein Faible für alles Exotische. Er litt an einer wahren „Porzellankrankheit“ und häufte Zerbrechliches aus China und Japan an. Heute findet man die Schätze aus Asien und Europa in der kürzlich von dem New Yorker Designer Peter Marino neu gestalteten Porzellansammlung.
Zudem produzierte ein Hofgoldschmied für den Kurfürsten glitzernde Kleinodien – wie etwa den „Thron des Großmoguls Aureng Zeb“, ein Kabinettstück aus 132 juwelenbesetzten Figuren und Miniaturen. Dieses Meisterwerk steht heute im „Grünen Gewölbe“. Perlen, Elfenbein, Smaragde, Korallen, Rubine und Diamanten vereinen sich gleich an zwei Standorten im Residenzschloss zum „Splendour of Dresden“. Neben dem „Neuen Grünen Gewölbe“ kann man seit 2006 die historische Schatzkammer Sachsens originalgetreu bewundern. Auf vergoldeten Konsolen thront Zierrat in Fülle, opulent reflektiert von Spiegelpanelen. Allein für diesen Anblick ist Dresden eine Reise wert. Nicht zu vergessen: die Sixtinische Madonna, Raffaels Meisterwerk von 1513. Es kam 1754 nach Dresden. Heute lächelt die Dame in der Gemäldegalerie Alte Meister.
Für den Ruhm Dresdens sorgte auch der Maler Bernardo Bellotto, Canaletto genannt. Seine minuziösen, lichtsatten Veduten der Stadt überlagern noch heute die Sicht. Wer über die Augustbrücke zum Neustädter Elbufer spaziert, kann den berühmten „Canalettoblick“ von 1748 erleben. Als wäre die Zeit stehen geblieben, offenbart sich angesichts der historischen „Skyline“ des Stadtzentrums wohl das größte Kapital der Stadt: Gelungene Architektur, eingebettet in eine harmonische Flusslandschaft. Die Vision der sächsischen Kurfürsten vom „Splendour of Dresden“ funktioniert bis heute.////















