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Kulturgeschichte

Die zwei Leben des Erfurter Hochzeitsrings

Erfurt verfügt über einen reiche jüdische Geschichte – und endlich ist sie auch wieder zu sehen: Die Alte Synagoge zeigt jetzt als frisch restauriertes Museum einen spektakulären Schatz. Eine der schönsten Kostbarkeiten: ein jüdischer Hochzeitsring aus dem 14. Jahrhundert.

Von Marlies Heinz

Wenn er nur erzählen könnte, der goldene Ring. Selbst den Restauratoren blieb er Antworten schuldig. Ist er jemals feierlich an den Finger einer Braut gesteckt worden? Wenn ja, wer war die junge Frau, wer ihr Bräutigam? Und geschah die Trauung hier in diesem Haus, damals, als es noch eine Synagoge war? Die Vitrine in der Mitte des Kellergewölbes präsentiert allein den filigranen Hochzeitsring. Konkurrenzlos offenbart er seine Schönheit. Ineinandergreifende Hände als Symbol für Verbundenheit und Treue. Zwei geflügelte Drachen tragen ein fein gearbeitetes Miniaturgebäude mit spitzbogigen Arkaden und einem Dach, das die hebräische Inschrift „Masel tow“ (viel Glück) trägt. Innerhalb dieses winzigen Tempels bewegt sich eine kleine Kugel und erzeugt einen leisen Klang. Zu sehen ist dieses Meisterwerk gotischer Goldschmiedekunst in dem im Oktober 2009 eröffneten Museum Alte Synagoge in Erfurt, in der Hauptstadt des Bundeslandes Thüringen.

Lang war die Liste der Ehrengäste des Eröffnungs-Festaktes. Der Oberbürgermeister begrüßte Dr. Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Yoram Ben-Ze’ev, Botschafter des Staates Israel in Deutschland, Brigadegeneralin a.D. Hedva Almog, stellvertretende Bürgermeisterin von Erfurts Partnerstadt Haifa, Wissenschaftler, Politiker und viele Künstler. So füllte sich das Museum gleich zu seiner Eröffnung mit viel Prominenz. Doch nicht weniger erfreulich: Auch als die Synagoge später für die Öffentlichkeit zugänglich war, kam viel Publikum, schaute, lauschte den Audioguides oder Experten-Führungen, fragte nach, staunte, ließ sich mitnehmen in ein fernes, bislang wenig beleuchtete Kapitel Erfurter Geschichte.

Wenn er nur erzählen könnte, der goldene Ring. Gewiss würde er berichten von jenem Tag vor 660 Jahren, als er gemeinsam mit anderen Schmuckstücken in einen faustgroßen silbernen Doppelkopf gepresst, in Leinen gewickelt und unter eine Kellertreppe gestopft wurde. Sein Besitzer ahnte wohl, welch Grauen der jüdischen Gemeinde Erfurts bevorstand – ein Pest-Pogrom wie anderswo in Europa. Und die Angst bewahrheitete sich. Am 21. März 1349 überflutete eine Woge der Gewalt und Zerstörung das Viertel. Rund 1000 Menschen wurden erschlagen oder kamen in einem tosenden Inferno ums Leben. Die jüdische Gemeinde wurde ausgelöscht. Die Grundstücke gelangten in städtischen Besitz, auch die weitgehend erhaltene steinerne Synagoge. Ein Kaufmann erwarb vom Rat das Gemäuer, ließ es unterkellern und zum Lagerhaus umbauen. Später war das Haus Tanzsaal, Gaststätte, Kegelbahn. Die ursprüngliche Bestimmung geriet in Vergessenheit. Wohl nur dadurch blieb die einstige Synagoge von der Zerstörungswut der Nationalsozialisten verschont.

Erst rund 500 Jahre nach der Pogromnacht von 1349 und rund 400 Jahre nach dem Auszug der für lange letzten, kleinen jüdischen Gemeinde aus Erfurt wurde in der Stadt erneut eine Synagoge errichtet. Ein zweistöckiges klassizistisches Gebäude am Ufer der Gera, mit Toraschrein, Frauenempore und Mikwe im Erdgeschoss. Es wurde der stetig wachsenden Gemeinde aber bald zu klein und zum Wohnhaus umgebaut. Das war ebenfalls die Rettung für das Gebäude, das heute als Begegnungsstätte Kleine Synagoge dient, das man besichtigen kann und in dem unter anderem ein Archiv zur jüdischen Geschichte Erfurts offen steht. Die Gemeinde errichtete ihre Große Synagoge im maurischen Stil, weihte den Prachtbau 1884 ein – und verlor ihn in der Nacht von 9. zum 10. November 1938. Auf diesem Grundstück entstand Anfang der Fünfziger die Neue Synagoge, der einzige Synagogenneubau auf dem Gebiet der DDR.

Wenn er erzählen könnte, der goldene Ring. Dann würde er bestimmt über seine abenteuerliche Rückkehr ans Tageslicht berichten: Die begann im September 1998 in der Michaelisstraße 43. Weil der Tag des offenen Denkmals mit viel Publikum bevorstand, sollten Bauarbeiter die Löcher, die Archäologen gegraben hatten, wieder zuschütten. Einer der Männer hielt plötzlich inne. Zufällig, weil er eine kleine Ausstellung aufbaute, war der Grabungsleiter am Ort. Er wurde alarmiert, kam herbei gehastet und barg behutsam den Schatz. Den Doppelkopf, Silbermünzen- und Barren, Silbergeschirr. Doch die wahrhaftige Bedeutung des Fundes trat erst viel später im Landesamt für Denkmalpflege zutage. „Die Restauratorin hatte den Doppelkopf aus dem Tresor geholt und im Laufe der Restaurierung geöffnet“, erzählt Kunsthistorikerin Maria Stürzebecher. „Plötzlich schreit sie auf: ‚Wir haben hier noch einen Schatz!’ Ich bin quer über den Hof gerannt. Wir waren alle wahnsinnig aufgeregt und hätten die Schmuckstücke am liebsten sofort aus dem Gefäß herausgeholt. Der Ring glänzte uns ja schon entgegen, ein Ring, von dessen Art weltweit nur zwei weitere Exemplare bekannt sind. Aber der Zustand sollte erst dokumentiert werden. “ Für Maria Stürzebecher, die eigentlich nie nach einem Doktorhut greifen wollte, begann damit die Arbeit an ihrer Promotion zum Erfurter Schatz.

Die Wiederentdeckung der Synagoge hingegen lässt sich nicht an einem einzigen Tag festmachen. Schon Ende der 1980er-Jahre bemühte man sich im Institut für Denkmalpflege, die vermutete Synagoge zu finden. Ab 1992 erfolgten systematische Bauuntersuchungen. Ende der Neunziger begann die Restaurierung mit 1,6 Millionen Euro Unterstützung aus EU-, Bundes- und Landesmitteln. Dabei stand jedoch die Frage, wie mit den vielen Schichten der Nutzung umzugehen sei, im Raum. Welcher Verwendungszweck sollte hervorgehoben? Den Restauratoren gelang es, so als blättere man in einer Chronik, alle Kapitel der vergangenen neun Jahrhunderte in den Blick des Betrachtes zu rücken: Vor dem Jahr 1100 errichtet, gilt das Gebäude als die älteste bis zum Dach erhaltene Synagoge Mitteleuropas. Ein Lichtergesims und die im Erdgeschoss zusammengetragene Baugeschichte erinnern an diese ursprüngliche Nutzung. Von Erweiterungen und Umbauten des Bethauses erzählen das Mauerwerk und Maßwerkrosetten, von der Zeit als Speicher die gotischen Balkendecken, die Toreinfahrt und der Keller. Im Obergeschoss ist der Ballsaal des 19. Jahrhundert noch erlebbar.

Dass das einstige Bethaus den Rahmen für den wieder entdeckte Schatz bilden und dass die Ausstellung noch um wertvolle von der Erfurter Gemeinde stammende hebräische Handschriften aus der Staatsbibliothek Berlin bereichert wird – diese Idee entwickelte sich erst im Laufe der Jahre. Inzwischen sind beide Projekte zu einem sehenswerten Ganzen verschmolzen, mit dem die Stadt auch international um Besucher wirbt. Das „Netzwerk Jüdisches Leben in Erfurt“ verbindet alle bisher gefundenen Schauplätze, die Gemeinde, die Forscher. Mehr noch: Erfurt möchte als Stadt mit besonders vielen, besonders wertvollen und besonders aussagestarken Zeugen jüdischer Kultur unter diesem speziellen Aspekt auf die Unesco-Welterbe-Liste. Das Vorhaben scheint nicht unberechtigt. Schon vor dem Fund des „Erfurter Schatzes“, so sagte Charlotte Knobloch in ihrem Grußwort, „war bekannt, dass Erfurt neben Worms, Speyer oder Prag im Mittelalter ein bedeutendes Zentrum des Judentums gewesen sein muss.“ Wenn er nur erzählen könnte, der goldene Ring.

02.11.2009
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