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Die Stipendiatin der Kanzlerin

Jedes Jahr kommen begabte Nachwuchswissenschaftler und angehende Führungskräfte aus China mit einem Bundeskanzler-Stipendium für ein Jahr nach Deutschland. Dieses Jahr fiel die Wahl auf Dandan Wang. Ein Porträt.

Von Benjamin Haerdle

Es ist derzeit nicht ganz leicht, mit Dandan Wang einen Gesprächstermin zu vereinbaren. Die 28-jährige Chinesin ist viel unterwegs. Gerade kommt sie aus Erfurt, davor war sie in Berlin und übers Wochenende will sie Freunde in Düsseldorf besuchen. Wangs Reiselust quer durch Deutschland liegt auch daran, dass sie momentan für ein Medienprojekt recherchiert, das sie aus Peking an die Universität Leipzig geführt hat. Wang will untersuchen, wie deutsche Regionalzeitungen über China berichten. Denn die Medien in Deutschland, so erzählt sie bei einem Zwischenstopp in einem Café im Leipziger Hauptbahnhof, berichteten oft einseitig über China. Dieses Bild hätten zumindest viele Chinesen. „Ich möchte herausfinden, ob das wirklich so ist oder ob das übertrieben wird, weil deutsche Zeitungen generell sehr kritisch sind“, sagt Wang.

Für ihr Projekt hat sie von der Alexander von Humboldt-Stiftung ein Bundeskanzlerstipendium für künftige Führungskräfte erhalten. Damit kann sie ein Jahr lang in Deutschland ein eigenes Projekt bei einem selbst gewählten Gastgeber verwirklichen. Wang stößt mit ihrem Vorhaben in eine Lücke: „Bisher gibt es kaum fundierte Analysen zur Mittlerfunktion der Medien im deutsch-chinesischen Verhältnis“, urteilt die Humboldt-Stiftung. Wang will das nicht anhand der großen überregionalen Zeitungen, sondern bei drei Regionalzeitungen genauer unter die Lupe nehmen, der Stuttgarter Zeitung, der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung und der Sächsischen Zeitung. „Der Großteil der Bevölkerung informiert sich über Regionalzeitungen“, sagt die Stipendiatin. Diese beeinflussten das China-Bild der Deutschen. Vertiefen will sie das Projekt durch Interviews mit Medien- und Kommunikationswissenschaftlern, Sinologen sowie deutschen und chinesischen Journalisten. Im Fokus ihrer Analyse steht die Frankfurter Buchmesse im Jahr 2009. Damals war China Gastland. Darüber wurde sehr kontrovers berichtet. Das Projekt von Dandan Wang soll nun empirische Befunde liefern und so zur Versachlichung der emotional geführten Medien-Debatte beitragen. Darüber hinaus soll die Analyse herausarbeiten, welchen Beitrag Massenmedien für den deutsch-chinesischen Austausch leisten können beziehungsweise inwieweit sie diesen auch hemmen können.

Für das Forschungsprojekt ist Dandan Wang gut vorbereitet. In China arbeitet sie seit 2006 für die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua; erst als Landeskorrespondentin, dann ab 2008 im Auslandsressort. Deshalb ist sie über das, was in der Presse rund um das deutsch-chinesische Verhältnis geschrieben wird, bestens informiert. „Wenn deutsche Medien über China berichten, dann interessieren sie sich vor allem für Wirtschaft, Umweltprobleme, Menschenrechte und Pressefreiheit“, sagt die Journalistin. In chinesischen Zeitungen seien Wirtschaft und Umweltprobleme zwar auch wichtig, ansonsten spiele aber mehr das gesellschaftliche Leben eine Rolle. Wang: „Das vermisse ich in deutschen Zeitungen“. Ihr Projektbetreuer an der Universität Leipzig, der Sinologieprofessor Stefan Kramer vom Ostasiatischen Institut (www.uni-leipzig.de/~ostasien/), ärgert sich gelegentlich über die China-Berichterstattung in Deutschland. „Es wird in den populären Medien stark polemisiert. Viele Details verschwinden in der Berichterstattung“, sagt er. Auch deshalb ist er sehr an Wangs Forschungsergebnissen interessiert.

Bis August 2012 wird sich Wang nun der Medienanalyse widmen. An ihre neue Umgebung hat sie sich schnell gewöhnt. Deutsch spricht sie sehr gut, da sie an der Pekinger Fremdsprachenuniversität Germanistik studierte. Und Deutschland kannte sie auch schon, da sie 2009 dank eines Journalistenaustauschprogramms drei Monate als Medienbotschafterin in Hamburg arbeitete. Die Hansestadt hat ihr damals sehr gefallen. Das wird sie vielleicht auch irgendwann von Leipzig sagen, aber noch hat sie von der Stadt nicht viel gesehen. „Es gibt viel Kultur und die Universität Leipzig hat in China einen guten Ruf“, sagt sie. Zusammen mit ihrem Freund wohnt sie in einer Kleinstadt vor den Toren der ostdeutschen Messestadt. „Mit Peking kann man Leipzig natürlich nicht vergleichen, weil es dort alles viel größer, lauter und voll mit Menschen ist“, sagt sie. Dafür hat sie hier erstmals einen Weihnachtsmarkt besucht und Glühwein probiert. Der war neu für sie. Wang hofft, bald etwas mehr Zeit zu haben, um ihre neue sächsische Heimat zu erkunden. Die Leipziger Oper möchte sie in jedem Fall noch besuchen. Allerdings dürfte der Terminkalender Dandan Wang auch im kommenden Jahr nicht allzuviel Zeit lassen. Aber auf eine Veranstaltung freut sie sich jetzt schon: Den Empfang der Bundeskanzler-Stipendiaten bei Bundeskanzlerin Angela Merkel im Sommer.///

12.12.2011
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