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Architektur

Die Stadt von Übermorgen

Mit Masdar-City entsteht in den Vereinigten Arabischen Emiraten die modernste, und ökologischste Stadt der Welt. Ein deutsches Architektenteam aus Stuttgart hat den Wettbewerb für den Bau des zentralen Platzes der Zukunftsstadt gewonnen.

Von Jana Schulz

Stuttgart, Heilbronner Straße, ein funktionales Büro nicht weit vom Hauptbahnhof gelegen: Hier wird über die Stadt von morgen nachgedacht. Mehr als das: Hier wird ihr Herzstück, ihr zentraler Platz entworfen. Umgesetzt wird das Vorhaben allerdings nicht in Deutschlands Südwesten, sondern 4700 Kilometer entfernt, in der Zukunftsstadt Masdar-City in den Vereinigten Arabischen Emiraten, nahe Abu Dhabi. Der Masterplan für Masdar, der neuste nachhaltige Umwelttechnologien und ökologische Bauformen vereint, stammt von dem britischen Stararchitekten Sir Norman Foster. Das deutsche Team des Stuttgarter Architekturbüros Lava (eine Abkürzung für Laboratory for Visionary Architecture) hat allerdings den Wettbewerb um den Bau von Masdar Plaza, des wichtigsten Platzes in Masdar-City, gewonnen. Hier sollen ein Fünf-Sterne-Hotel, ein Konferenzzentrum, Kinos, Restaurants, Läden und Wohngebäude entstehen.

„Der Entwurf kombiniert die Funktion eines europäischen Stadtplatzes mit der Atmosphäre einer Wüsten-Oase. Wir sehen Masdar Plaza als Oase der Zukunft“, sagt Tobias Wallisser, einer der drei führenden Köpfe von Lava. Das Team hat sich auf „visionäre Architektur“ spezialisiert. „Der von uns entwickelte zentrale öffentliche Platz ist ein wichtiger Baustein, der Bevölkerung Raum zur Identifikation anzubieten. Es wird ein Ort, an dem eine gemeinsame Kultur entstehen kann.“ Denn Masdar, die ideale Stadt der Zukunft, ist eine konstruierte, künstliche Stadt. Hier werden vor allem internationale Wissenschaftler und Akademiker – unter ihnen auch Mitarbeiter des deutschen Fraunhofer-Instituts – leben und arbeiten. Ökologische Nachhaltigkeit spielt die Hauptrolle in Masdar: Die Stadt soll vollkommen kohlendioxidneutral mit Energie versorgt werden. Hier wird zum Beispiel das Wasser mit solarbetriebenen Entsalzungsanlagen gewonnen. Insgesamt soll es nur noch einen Energieaufwand von 25 Prozent pro Kopf verglichen mit dem heutigen Durchschnittsverbrauch geben. Der Strom wird mithilfe von Solarzellen erzeugt, führerlose Elektroautos sollen im Untergrund fahren und per Touchscreen von den Bewohnern bestellt werden können. „Die gesamte Stadt muss als angewandte Forschung verstanden werden, in der Prototypen und Innovationen entwickelt werden“, sagt Tobias Wallisser.

Was hat sich das deutsche Architektenteam für den zentralen Platz dieser visionären Zukunftsstadt einfallen lassen: Markantestes Element auf der Masdar Plaza werden sicher die riesigen pilzförmigen Schirme sein, die Schatten spenden – nachts schließen sie sich, damit die Hitze entweicht und am Morgen öffnen sie sich wieder, um für Kühlung zu sorgen. Zusätzlich wird der Boden mit Wasser gekühlt, sodass die Temperatur deutlich sinkt. „Bisher findet das öffentliche Leben am Golf aufgrund der Hitze in Shoppingmalls statt“, sagt Tobias Walliser. „Wir holen es auf den Platz zurück.“

Für seine Entwürfe nimmt das innovative Architektenteam Anleihen bei der Natur und verbindet sie mit modernster Technik. Darin haben alle drei Lava-Architekten viel Erfahrung: Tobias Wallisser gründete Lava zusammen mit Chris Bosse und Alexander Rieck im Jahr 2007. Chris Bosse machte sich einen Namen als Architekt der olympischen Schwimmhalle „Water Cube“ in Peking, Tobias Wallisser war als Projektleiter für das innovative Mercedes-Benz Museum in Stuttgart verantwortlich und Alexander Rieck war Architekt und Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart und dort unter anderem maßgeblich an dem Zukunftsforschungsprojekt „Office 21“ beteiligt. Lava versteht das Architektenteam als internationales Netzwerk, dessen Arbeit von Forschung und digitalem Entwerfen geprägt ist. Neben Stuttgart gibt es noch ein Büro in Sydney in Australien. Alexander Rieck ist überzeugt, dass Masdar den richtigen Weg in die Zukunft der Städte weist: „In den nächsten 20 Jahren werden weltweit weitere zwei Milliarden Menschen in Städten leben. Wir müssen heute Antworten darauf finden, wo wir die Unmengen an Energie herbekommen, die diese Städte benötigen.“ In der Heilbronner Straße in Stuttgart ist das Nachdenken über die Zukunft schon sehr gegenwärtig: In den Jahren 2020 bis 2025 soll Masdar-City fertig sein. ////

Deutsche Beteiligung an Masdar

Die deutsche Bundesregierung hat von Anfang an enge Kontakte zu dem Zukunftsprojekt Masdar gepflegt. Als erste Regierungschefin hatte Bundeskanzlerin Merkel im Mai 2010 Masdar mit seinem Postgraduierten Institut MIST besucht, das im September 2010 den Unterrichtsbetrieb aufgenommen hat. Eine Vielzahl hochrangiger Delegationen aus Deutschland hat vor Ort konkrete Kontakte geknüpft. Masdar setzt bei der Verwirklichung seiner ehrgeizigen Pläne vorrangig auch auf deutsche Technologien und Zusammenarbeit bei erneuerbaren Energien.

So hat die Siemens AG im November 2010 sogar entschieden, ihre Hauptniederlassung für Asien und den Mittleren Osten nach Masdar City zu verlegen. Hierfür hat sie zunächst 12000 m² an Baufläche gepachtet mit dem Ziel, dort auf bis 2013 eine Fläche von bis zu 25000 m² ökologisch zu bebauen. Im Rahmen einer strategischen Partnerschaft Masdar-Siemens wird Siemens integrierte Technologien baulicher Automation zur Verfügung stellen und die Energienutzung von Masdar optimieren, indem Siemens u. a. Anwendungen für die Einspeisung erneuerbarer Energien entwickelt. Zurzeit sind außerdem die folgenden deutschen Firmen an dem Projekt Masdar beteiligt: Drei Fraunhofer Institute (Solar, Bauphysik und Arbeitswirtschaft), Deutsche Bank, Siemens AG, E.on, Bayer Material Science, BASF Chemical, Bosch, Schott Solar, Flabeg, Sulfurcell Solartechnik GmbH, SIC Processing AG, Lahmeyer & Fichtner Consulting, DLR, MAN Turbo, Mirrox (Ausgründung des Fraunhofer Instituts Freiburg), Energy Design Asia (Stuttgart), Transsolar (Stuttgart) sowie die Bauunternehmen Alcan/Novelis, Foiltec (Vector), Energate, Mero und Schüco-Alico. Seit Oktober 2009 stellt MASDAR Photovoltaik in Thüringen PV-Solarpanele im Dünnschichtverfahren her – eine Investition im Umfang von rund 0,5 Mrd. US$. Zur Energieversorgung von Masdar City wurde im Juni 2009 ein 10 Megawatt-Solarkraftwerk bei Abu Dhabi in Betrieb genommen.

30.11.2010
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