Der 3. Januar 2011 war in Deutschlands Kasernen ein historischer Tag. Zum letzten Mal meldeten sich an den Kasernentoren junge Männer, den Einberufungsbescheid in der Hand. Zum letzten Mal erhielten Wehrpflichtige in den Kleiderkammern Uniform und Gefechtshelm: Nach fast 200 Jahren endete in Deutschland die Wehrpflicht, die – mit Unterbrechungen – ein wesentlicher Teil der deutschen Streitkräftegeschichte in den vergangenen Jahrhunderten war. Genau genommen handelt es sich nicht um das Ende, sondern um die Aussetzung des Grundwehrdienstes: Im Grundgesetz bleibt das Prinzip der Wehrpflicht weiterhin bestehen und kann im Verteidigungsfall sofort wieder eingeführt werden. Künftig soll an die Stelle des seit Mitte 2010 noch sechs Monate dauernden Grundwehrdienstes für Männer ein neuer freiwilliger Wehrdienst von zwölf bis 23 Monaten für junge Frauen und Männer treten.
Mit dem Aussetzen der Wehrpflicht endet auch das klassische Verständnis einer Armee, die auf dem Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht aufgebaut war. Der Großteil der Bundeswehrsoldaten waren Wehrdienstleistende, hinzu kamen über einen bestimmten Zeitraum freiwillig verpflichtete Zeitsoldaten sowie klassische Berufssoldaten. Seit ihrer Gründung 1955 hatte die Bundeswehr zunächst die Aufgabe, gemeinsam mit den westlichen Alliierten die Nahtstelle zwischen den Blöcken NATO und Warschauer Pakt zu sichern. Der Kalte Krieg zwischen Ost und West endete vor 20 Jahren – und die deutschen Streitkräfte ziehen mit dem Aussetzen der Wehrpflicht und dem Umbau die letzte Konsequenz aus dieser grundlegenden sicherheits- und verteidigungspolitischen Veränderung in Mitteleuropa. Der Wehrdienst hatte sich allerdings schon in den vergangenen Jahren gewandelt: Zum einen nutzten immer mehr Wehrpflichtige das schon im Grundgesetz festgelegte Recht auf Verweigerung des „Kriegsdienstes mit der Waffe“. Der zunächst nur als Ersatz angesehene Zivildienst bekam für die Krankenhäuser und Sozialeinrichtungen immer mehr Bedeutung. Zugleich zog die Armee immer weniger Wehrpflichtige eines jeden Geburtenjahrgangs ein. Sie brauchte weniger, weil die komplexeren Waffensysteme mehr Ausbildungszeit kosteten und gleichzeitig die Wehrdienstdauer verkürzt wurde. Erst Ende 2009 vereinbarte die Bundesregierung eine Reduzierung auf sechs Monate, von der es zur Aussetzung kein großer Sprung mehr war. Von Mitte 2011 an wird es in Deutschland keine jungen Männer mehr geben, die ihren Wehrdienst in der Bundeswehr leisten müssen. Und die Truppe, die mit der deutschen Einheit seit 1990 Soldaten der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR eingliederte und kurzfristig noch mal wuchs, wird auf eine professionelle Armee von höchstens 185000 Soldaten und Soldatinnen reduziert. Der grundlegende Umbau des deutschen Militärs ist, wie in anderen europäischen Ländern, nicht nur eine Folge der veränderten sicherheitspolitischen Lage: Aufgrund der allgemeinen Haushaltsentwicklung soll die Bundeswehr in den nächsten Jahren eine Summe in Höhe von mehreren Milliarden Euro einsparen. Wie hoch die Summe am Ende wird, ist noch offen – doch die Verkleinerung der bisher 250000 Soldaten starken Truppe ist beschlossene Sache.
Rund 60000 Wehrdienstleistende hatte die Armee zuletzt pro Jahr. Doch für die neuen Anforderungen der Bundeswehr im 21. Jahrhundert – etwa bei Auslandseinsätzen wie in Afghanistan – sind professionellere militärische Ausbildungen nötig, als ein sechsmonatiger Grundwehrdienst leisten kann. Und auch die Idee, dem Militarismus von Reichswehr und Wehrmacht den „Bürger in Uniform“ entgegenzustellen, hängt heute nicht mehr an der Wehrpflicht: Wenn nur noch 16 Prozent eines Geburtsjahrgangs Wehrdienst leisten, muss die Verankerung der Streitkräfte in der Gesellschaft auf andere Wege setzen. Der Verzicht auf diese Kurzzeit-Soldaten spart nicht nur Ausrüstung und Infrastruktur – sondern auch fast 10000 Soldaten, die für die Ausbildung gebraucht wurden. Das Personal benötigt die Bundeswehr an anderer Stelle dringender: „Vom Einsatz her denken“, nicht mehr die Ausrichtung auf die Landesverteidigung an der Grenze, so lautet die neue Leitlinie. Denn die Armee, deren Einsatzgebiet vor der deutschen Einheit einst an der Elbe mitten in Deutschland endete, ist zu einer in globalen Friedenseinsätzen agierenden Truppe geworden – und damit Ausdruck der gewachsenen internationalen Verantwortung Deutschlands seit der Wiedervereinigung. 1993 zog ein Bataillon erstmals unter den Blauhelmen der Vereinten Nationen (VN) nach Somalia. Wenige Jahre später beteiligte sich Deutschland als Teil der internationalen NATO-Sicherheitstruppe Kosovo Force(KFOR)auf dem Balkan mit dem Ziel, den Abzug der jugoslawischen Truppen und die Entmilitarisierung des Kosovo zu überwachen. Am weitesten vom alten NATO-Gebiet und der herkömmlichen Idee der Landesverteidigung entfernte sich die Bundeswehr 2002, als sie gemeinsam mit den US-amerikanischen Verbündeten im Auftrag der Staatengemeinschaft im Rahmen der ISAF-Mission nach Afghanistan ging.
Derzeit sind deutsche Soldaten an elf internationalen Friedenseinsätzen beteiligt – zum Beispiel im Rahmen der Anti-Piraterie-Missionen ATALANTA am Horn von Afrika oder bei der UNIFIL-Mission vor der libanesischen Küste, deren Aufgabe es ist, den Waffenschmuggel für die Hisbollah zu verhindern. Die internationalen Einsätze, zusammen mit Verbündeten in der NATO, der Europäischen Union oder für die Vereinten Nationen, sind der Normalfall geworden.
Die Strukturen der deutschen Streitkräfte widerspiegeln noch nicht das neue Aufgabenspektrum. Sicher ist: Der Bundesverteidigungsminister steht vor der Herausforderung, die Bundeswehr der Zukunft kleiner, billiger und trotzdem effektiver zu gestalten. Fünf bis sieben Jahre, schätzen die Fachleute, werde der Umbau dauern. Er ist nicht nur eine interne Aufgabe von Ministerium und Armee. Ohne die Wehrpflicht fehlt der Truppe das Reservoir, aus dem sie bisher ihren Nachwuchs für Zeit- und Berufssoldaten rekrutierte. Um auch künftig genug neue Soldaten zu haben, muss die Bundeswehr um Freiwillige werben – und der Bevölkerung deutlich machen, wofür auch weiterhin diese Soldaten gebraucht werden.////














