Herr Fritz-Vannahme, von Ihnen stammt die Einschätzung, das Leben der Korrespondenten in Brüssel spiele sich zwischen „Langeweile und Faszination“ ab. Was macht die Europäische Union zu solch einem Extrem für Journalisten?
Das liegt an der Konstruktion der EU, die auf den ersten Blick nicht zu verstehen ist. Ich kenne kaum jemanden, der als Korrespondent nach Brüssel kommt und nicht mindestens ein Jahr benötigt, ehe er seine innere EU-Landkarte erstellt hat. Das klingt auf den ersten Blick überraschend. Schließlich gibt es ja die großen Institutionen wie die EU-Kommission und das EU-Parlament, die jeder Journalist kennt. Aber es gibt eben auch 27 Mitgliedsstaaten und den einen oder anderen befreundeten Partner wie die USA, China oder die Schweiz, die ebenfalls in Brüssel vertreten sind und dort Politik machen. Die Europäische Union ist weder ein Bundesstaat noch ein Staatenbund – sie ist etwas ganz Eigenes. Damit muss man erst mal zurechtkommen. All die bürokratischen Abläufe, all die Verordnungen lassen schon mal Langeweile aufkommen. Doch es ist faszinierend, in diesem Konglomerat aus Kulturen und Sprachen zu arbeiten. Alle Länder bringen ihre eigene Geschichte und Geschichten mit und arbeiten gemeinsam an demselben Werkstück: Europa. Das gleicht die langweiligen Momente wieder aus.
Obwohl der Einfluss der Europäischen Union auf die nationale Politik der Mitgliedsstaaten immer stärker wird, ist die Berichterstattung über die EU eher zurückhaltend. Lässt sich das Projekt Europa medial nicht vermitteln?
Es wird immer wieder behauptet, dass die Berichterstattung über die EU abnimmt. Das glaube ich nicht. Im Gegenteil – ich finde, sie nimmt sogar zu. Allerdings nicht gerade an prominenter Stelle. Es ist offensichtlich allemal interessanter, wochenlang über die Kandidatenauswahl bei den US-Präsidentschaftswahlen zu berichten als über die Auswahl für einen EU-Kommissionspräsidenten. Die geringe Personalisierung europäischer Politik macht es schwierig, Themen mit prominenten Köpfen zusammenzubringen. Dazu kommt: Brüssel ist kein Kameratermin. Für die Fernsehberichterstattung fällt einfach zu wenig ab. Aber die Medien sind auf Bilder angewiesen.
Nehmen die Journalisten in den europäischen Redaktionen das Thema vielleicht einfach nicht ernst genug?
Die Korrespondenten in Brüssel sind manchmal fast schon zu detailversessen. Das Problem sehe ich in deren Heimatredaktionen. Warum? Weil jeder Lokalredakteur die Brüsseler Entscheidungen in letzter Konsequenz auf den Tisch bekommt, aber meistens nicht weiß, wie sie zustande gekommen sind. Wären diese Journalisten besser informiert, würden viele kritische Berichte über die Eurokraten und deren scheinbar nicht nachvollziehbare Entscheidungen inhaltlich anders ausfallen. Darum plädiere ich immer wieder dafür, die Ausbildung in Sachen EU vor allem bei Lokaljournalisten deutlich zu verbessern.
Was ist mit den Lesern, Hörern, Internetnutzern – interessiert sie die EU nicht?
Doch! Und deren Interesse an der Europäischen Union steigt sogar. Ihnen wird die EU nur zu häufig nicht ausreichend erklärt. Dadurch geraten wir in eine Schieflage, in diffuse Stimmungen. Aus Unverständnis entsteht Ablehnung. Den Satz, dass man Europa ja gar nicht entkommen kann, hört man häufig. Er hat was Hilfloses, gleichzeitig zeigt er aber das Bewusstsein der Bürger dafür, dass mit Europa etwas gewachsen ist, was für alle längst Alltag geworden ist. Dazu kommt der Frust, weder die Entscheidungen noch die wichtigen Personalfragen in der Europäischen Union beeinflussen zu können.
Eine europäische Öffentlichkeit entsteht also erst dann, wenn die führenden EU-Köpfe direkt gewählt werden?
Ja, darauf wird es hinauslaufen. Durch die Vertragsreform ist das ja schon besser geworden. Wir bekommen einen noch prominenteren Vertreter für die EU-Außenpolitik, wir bekommen einen EU-Ratspräsidenten für jeweils zweieinhalb Jahre. Das sind viel sichtbarere Figuren. Der nächste Schritt muss sein, dass entweder dieser Ratspräsident oder der Kommissionspräsident direkt gewählt wird. Ich bin mir sicher: Dieser Schritt zeichnet sich in den nächsten vier Jahren ab.
Ist eine gemeinsame mediale Identifikation der Europäer mit dem politischen Großprojekt EU überlebensnotwendig für die Staatengemeinschaft?
Ich warne davor, so etwas von oben zu verordnen. Die Kommission hat das schon versucht. Das wird aber schnell als Marketing durchschaut. Ich sehe das Wachsen einer europäischen Identität viel indirekter. Wir haben bei wichtigen Themen in allen Mitgliedsstaaten identische Debatten. Wir diskutieren über den Afghanistan-Krieg, über den Klimaschutz. Die Anliegen der Europäer sind in den jeweiligen nationalen Medien in weiten Teilen identisch. Und das ist der Anfang einer gemeinsamen Identität. Wir haben dieselben Sorgen und müssen dieselben Lösungen finden.














