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Die Ehrfurcht vor dem Leben

Neue Heilmethoden könnten nicht mit der Tötung menschlichen Lebens erkauft werden, argumentiert Karl Kardinal Lehmann gegen die Stammzellforschung. Ein Interview zur Diskussion um die Stammzellforschung

Das deutsche Stammzellgesetz setzt der Forschung sehr enge Grenzen. Der Schutz des Lebens gehört zu seiner Substanz. Aktuell entzündet sich die Diskussion an der Frage, ob Wissenschaftler in Deutschland mit embryonalen Stammzellen arbeiten dürfen, die nach dem gesetzlich verankerten Stichtag 1. Januar 2002 erzeugt wurden. Warum ist dieses Datum so entscheidend?
Hier muss man unterscheiden. Der Stichtag ist in den Grenzen des Stammzellforschungsgesetzes so wichtig, weil man keinen Anreiz geben will, um eigens embryonale Stammzellen herzustellen oder im Ausland zu bestellen. Wenn man diesen Stichtag verändern würde, würde man den Stichtag, der ja ohnehin gesetzlich eine Ausnahme formuliert, beweglich machen. Der Willkür wären Tür und Tor geöffnet. Aber es gibt eben grundlegende Einwände gegen eine solche Ausnahme, da die Herstellung und die Arbeit mit embryonalen Stammzellen die Tötung des Embryos voraussetzt. Die katholische Kirche lehnt darum jeden Stichtag dieser Art ab. Wir haben auch für den 1. Januar 2002 nicht zugestimmt. Kern unserer Argumentation ist: Wenn der Embryo ganz grundsätzlich ein menschliches Lebewesen ist, ihm also Menschenwürde und Lebensschutz gebühren, dann ist uns ein Eingriff in den Embryo, der tötet – und darum soll man nicht herumreden – verwehrt. Der Preis des Lebens ist zu hoch. Darauf kommt es an. Aber leider wird diese fundamentale Sache vielfach umgangen, verdrängt oder verschwiegen.

Ziel der Stammzellforschung ist das Heilen von Krankheiten, die mit viel menschlichem Leid verbunden sind. Wie lösen Sie den Widerspruch, dass eine zu strikte Auslegung des Stammzellgesetzes möglicherweise lebensrettende Forschung verhindert?
Dies darf nicht zu einem „Widerspruch“ werden. „Lebensrettende Forschung“ kann doch nicht mit der Tötung eines anderen menschlichen Lebens, das auch Menschenwürde und Anspruch auf Lebensschutz hat, erkauft werden. Dies ist der wahre Widerspruch. Ich hoffe, dass man bisher unheilbare Krankheiten durch die Entwicklung der Forschung im Lauf der nächsten Jahre und Jahrzehnte vielleicht in den Griff bekommt. Aber es gibt überhaupt keine Garantie, dass dies durch die embryonale Stammzellforschung geschehen wird. Hier wird zu viel versprochen, was mindestens bisher auch in keiner Weise eingelöst wird. Wirklich freie Forschung kann in dieser Hinsicht überhaupt nichts versprechen. Die Betroffenen täuscht man übrigens mit solchen Heilungsversprechen. Hier wird leider öfter auch eine falsche Ethik des Heilens und des Mitleids eingesetzt. Wir müssen auf allen ethisch vertretbaren Wegen der Forschung weitersuchen. Man darf nicht nur auf eine einzelne engere Ausrichtung setzen. Ich weiß, dass dies für die Betroffenen keine befriedigende Antwort ist, aber eine unbegründete Zusage von Hoffnung ist es im Grunde noch weniger.

Es sind von kirchlicher Seite Vergleiche zwischen der Stammzellforschung und den Menschenversuchen der Nationalsozialisten gezogen worden. Wird eine solche Polarisierung der Diskussion gerecht?
Ich lehne für meine Person jeden direkten Vergleich zwischen der heutigen Stammzellforschung und den Menschenversuchen der NS-Zeit entschieden ab. Aber die Vergehen von damals sollten gerade uns sensibel machen für viele Formen der Zerstörung menschlichen Lebens. Man sieht mit dem normalen Auge die winzigen Lebewesen im Embryonalstadium kaum. Wissenschaftliche Routine kann auch die Ehrfurcht vor dem Leben schwächen. Entdeckerfreude macht nicht so leicht halt. Die Wissenschaft braucht gerade bei unseren heutigen Möglichkeiten vor diesen Versuchungen eine große Disziplin, die letztlich in einer starken Ethik begründet ist. Ich traue sie den heutigen Wissenschaftlern nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zu. Aber gerade deshalb ist eine wechselseitige und objektive Kontrolle durch die Forschergemeinschaft und Wachsamkeit am Platz. Dann erst greifen Gesetze und Verordnungen wirklich.


Karl Kardinal Lehmann
Der Bischof von Mainz war bis Februar 2008 zwanzig Jahre lang Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Kardinal Lehmann gilt als weltoffener und liberaler Theologe.

28.01.2008
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