Herr di Lorenzo, wann haben Sie das letzte Mal Italienisch gesprochen?
Vor Kurzem erst. Ich kann nach wie vor flüssig sprechen, aber leider kann ich nicht gut Italienisch schreiben. Da bin ich einfach stehen geblieben in der fünften Klasse der italienischen Volksschule. Und mir fehlt auch der Slang.
Sie sind als Junge von Rom nach Hannover gekommen, als sich Ihre Eltern trennten. Das war sicher ein Bruch, schon rein geografisch – was war damals Ihr erster Eindruck vom Leben in Deutschland?
Es war in jeder Hinsicht schwierig für mich. Ich bin sicher, dass es gar nicht so sehr an Hannover lag. Aber neben der Trennung meiner Eltern und dem Abschied von der vertrauten Umgebung, war es sehr schwierig mich in einer anderen Sprache, die mir zwar vertraut war, aber die ich nicht richtig beherrschte, zurecht zu finden. Es war eine sehr prägende Erfahrung, das Gefühl, dass mein Leben plötzlich nur noch Schwarz-weiß stattfindet. Vorher war es ein ganz schöner Farbfilm.
Wer oder was hat Ihnen dabei geholfen, dass Sie Deutsch so gut gelernt haben, dass die Sprache sogar zu Ihrem „Handwerkszeug“ wurde?
Das ausschließliche Konfrontiertsein mit einer deutschen Umgebung. Das ist das, was leider von vielen Migranten unterschätzt wird. Man muss Deutsch reden mit den Freunden, zu Hause, deutsche Medien nutzen – sonst wird man in keiner Sprache richtig heimisch. Heute ist Deutsch ganz klar meine erste Sprache, dann erst kommt mit großem Abstand Italienisch.
Ihren ersten Artikel haben Sie über Angelo Branduardi geschrieben. Hat der binationale Hintergrund Einfluss auf Ihre Arbeit genommen?
Bestimmt auch, ich habe viele italienische Themen gemacht – Film und Musik und zunächst auch einige politische Geschichten, die mit Italien zu tun hatten. Das war am Anfang meine Nische. Ich habe aber großen Wert darauf gelegt, nicht in dieser Nische zu bleiben. Weil das eine „Selbstghettoisierung“ gewesen wäre, vor der ich nur warnen kann. Unter dem ersten Artikel, den ich überregional – in der Münchner Abendzeitung - veröffentlicht habe, stand übrigens nicht Giovanni di Lorenzo als Autor, sondern Hans Lorenz.
Wie das?
Als der Chef vom Dienst die Autorenzeile „Von Giovanni di Lorenzo“ gesehen hatte, dachte er: „Wenn schon ein Pseudonym, dann ein glaubwürdiges“ - und hat einfach „Von Hans Lorenz“ daraus gemacht...
Heute ist der Name Giovanni di Lorenzo bekannt in Deutschland. Als wie selbstverständlich empfinden Sie es, dass der Chefredakteur der großen deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ einen italienischen Namen trägt?
Es ist überhaupt nicht selbstverständlich. Ich halte das für ein Zeichen, dass die deutsche Gesellschaft gegenüber Migranten offener ist, als man es manchmal glaubt. Nun will ich mich wirklich nicht vergleichen mit anderen Migranten, deren Startschwierigkeiten ich sehr genau kenne. Trotzdem wäre es in Italien – das bestätigen mir Kollegen – kaum vorstellbar, dass einer, der Hans Lorenz heißt, Chefredakteur einer größeren Zeitung wäre. Als ich in Berlin als Chefredakteur des Tagesspiegel anfing, der großen Traditionszeitung aus dem Westen Berlins, war gleichzeitig der Sizilianer Giuseppe Vita Chef des größten Berliner Industrieunternehmens Schering und die Berliner Philharmoniker wurden von Claudio Abbado dirigiert. Ich weiß nicht, ob das in Paris, London oder Rom so denkbar wäre. Die Deutschen sind offener, als man im Ausland glaubt.
Was sollte sich ein junger Italiener in Deutschland zuerst ansehen?
Berlin, Berlin und dann noch mal Berlin. Aber Deutschland ist insgesamt ein spannendes Land. Wer Interesse an Deutschland entwickelt – der wird reich belohnt.
Interview: Janet Schayan














