Es ist eine Geschichte vom Schlagzeugspielen-Können und Schlagzeugspielen-Wollen. Mit neun Jahren begann die heute 55-jährige Rumi Ogawa, Trommel zu spielen. „Mit elf Jahren trat ich in die Blaskapelle meiner Schule ein und wollte unbedingt Flöte spielen“, sagt die japanische Musikerin. Doch die Flöte war bereits besetzt – und die einzige Alternative das Schlagzeug. So spielte sie im Schulorchester Schlagzeug – und in ihrer Freizeit Horn und Euphonium. „Als die Aufnahmeprüfungen für die Oberstufe anstanden, entschied ich mich für ein Musikgymnasium, wo ich Schlagzeug zwar als Hauptfach wählte, Flöte aber als Nebenfach belegte“, sagt sie. Ihr Schlagzeug-Studium an der Hochschule absolvierte sie erfolgreich, aber die Lerninhalte und das Repertoire hatten es nicht vermocht, sie richtig zu packen. So wollte sie nach Studienende abermals vom Schlagzeug loskommen und stattdessen eine Sprachkarriere verfolgen. Sie verließ Japan und kam 1978 nach Deutschland, wo sie ein halbes Jahr Deutschkurse am Freiburger Goethe-Institut belegte. „Um meine Sprachkenntnisse weiter zu verbessern und eine Qualifikation zu erlangen, die nichts mit Musik zu tun hat, schrieb ich mich für ein Studium der Volkswirtschaft ein.“ Für Ablenkungen blieb bei dem anspruchsvollen Studium wenig Zeit. Aber ein Kantaten-Abend von Bach erwies sich dann abermals als Wendepunkt im Leben der Japanerin. Die Musik berührte sie an diesem Abend tief. Nach Ende des Konzertes blieb sie ein wenig länger. Die junge Wirtschaftsstudentin kam mit dem Schlagzeuger ins Gespräch – und sie wurde mit dem Lehrer des Schlagzeugers bekannt gemacht. „Bernhard Wulff, der damals beim Basel Radio Orchester spielte und an der Hochschule für Musik unterrichtete, war sehr aufgeschlossen und erlaubte mir, jederzeit mit seinen Schülern zusammenzuspielen“, berichtet Rumi Ogawa. Beim Zusammenspielen blieb es nicht. Bald bekam sie von Bernhard Wulff auch Unterricht und immer wieder auch die Möglichkeit, beim Basel Radio Orchester mitzuspielen. So nahm die Musik ungeplant wieder immer mehr Platz in ihrem Leben ein. Sie musste sich entscheiden. Sie entschied sich für das Schlagzeug.
Zu dieser Zeit, Im Herbst 1980, stieß sie zu einer damals neu gegründeten Initiative von Studenten der Jungen Deutschen Philharmonie, deren Ziel es war, Neue Musik zu fördern und angemessen aufzuführen: Das basisdemokratisch organisierte Ensemble Modern war geboren. Bis heute gibt es keinen künstlerischen Leiter. Die Auswahl der Projekte, welche Gastmusiker eingeladen und welche Koproduktionen eingegangen werden, sowie auch die finanziellen Belange sind gemeinschaftliche Entscheidungen. Das Repertoire des Ensembles umfasst alle Spielarten Moderner Musik – Musiktheater, Tanz- und Videoprojekte genauso wie Kammermusik oder Ensemble- und Orchesterkonzerte. Seit Frühjahr 1981 ist Rumi Ogawa festes Mitglied des Ensembles und trotz ihrer früheren Versuche, beruflich andere Wege einzuschlagen, hat sie ihre letzte Entscheidung zu Gunsten der Musik bis heute nicht bereut: „Mit herausragenden Musikern immer neue Stücke bearbeiten zu können, fordert mich immer neu heraus.“ Dabei ist das Pensum sehr anspruchsvoll. „Wir erarbeiten jedes Jahr durchschnittlich 70 Werke neu, darunter etwa 20 Uraufführungen“, sagt sie. „Etwa 100 Konzerte geben wir im Jahr. Das ist ein bisschen mehr Arbeit als in einem normalen Orchester, denn wir spielen die jeweiligen Programme meist nur wenige Male und üben somit ständig neue Stücke ein.“ Das in Frankfurt am Main ansässige Ensemble Modern gehört heute zu den weltweit führenden Orchestern für zeitgenössische Musik.
Seit Anfang des Jahres 2010 ist Rumi Ogawa dort als Japanerin auch nicht mehr allein. Megumi Kasakawa verstärkt das Ensemble als Bratschistin. Den ersten Auftritt als Solistin hatte sie dort 2008 noch als Studentin – auf Empfehlung ihrer Lehrerin. Die ist im Übrigen auch „schuld“ daran, dass Megumi Kasakawa überhaupt ihre Liebe zur Bratsche entdeckt hat. Mit drei fing sie an, Geige zu spielen und blieb dem Streichinstrument auch fast 20 Jahre lang treu. Doch im Alter von 22 hörte sie in einem Konzert in Osaka eine Bratschistin spielen. „Ich war erstaunt, wie wunderschön dieses Instrument klingt und wollte es unbedingt lernen. Also ging ich direkt zur Künstlerin und konnte sie überzeugen, mich als Schülerin zu unterrichten.“ Nach ihrem Debüt beim Ensemble Modern im Jahr 2008 und einigen weiteren Gastauftritten entschieden die Musiker des Ensembles Modern im vergangenen Jahr einstimmig, die japanische Musikerin als festes Mitglied aufzunehmen. „Das Ensemble Modern ist meine erste Station als Berufsmusikerin und gleichzeitig mein Traumjob“, sagt die Bratschistin. „Mir gefällt, dass das Ensemble so international ist“, sagt die 29 Jahre alte Japanerin. „Derzeit besteht das Ensemble aus 19 Solisten, die von überall auf der Welt herkommen. Das ist eine gewinnbringende und spannende Mischung unterschiedlicher Mentalitäten und Kulturen.“ Auch in Deutschland gefällt es ihr ausgesprochen gut. „Hier ist die Wiege der Klassik, ein ganz besonderer Ort.“////















