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Vier Porträts

Die 89er: Kinder des Mauerfalls

Sie wurden in dem Jahr geboren, als die Berliner Mauer fiel, die Deutschland trennte und die Welt teilte: Die 89er sind ein besonderer Jahrgang. Vier junge Deutsche der Wende-Generation im Porträt

Jedes Land hat seine Generationen, die es prägen. In Deutschland steht die Nachkriegs­generation für Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, verbindet man die 68er mit der Studentenbewegung und bringt die Babyboomer mit der Friedens- und Umweltbewegung zusammen. Und die 89er? Sie sind ein besonderer Jahrgang – geboren zu einem Zeitpunkt, der Geschichte schrieb und die Welt veränderte: Ihre Geburt fällt in das Wendejahr 1989, das 40 Jahre deutsche Trennung in Ost und West beendete und den Eisernen Vorhang zu Fall brachte. In der Nacht des Mauerfalls erblickten allein in Berlin rund 80 Kinder das Licht der Welt.

Geboren 1989: In Deutschland können das 880459 junge Deutsche über sich sagen. Sie alle sind in einem wiedervereinten Deutschland aufgewachsen. Die Grenze durch Deutschland haben sie selbst nicht mehr erlebt. Wie das Leben in der DDR war, kennen sie oft nur aus Erzählungen in Familie oder Schule. 2009 werden die Kinder der Wende 20 Jahre alt, haben gerade ihr Abitur gemacht, angefangen zu studieren, absolvieren eine Ausbildung – und suchen ihren Weg im Leben. Bodenständig, pragmatisch, pflichtbewusst und ehrgeizig – so charakterisiert der renommierte Jugendforscher Klaus Hurrelmann die Generation der Wende-Kinder. Und wie sehen die 89er sich selbst? Kim-Fabian, Jamila, Tina und Benjamin erzählen, wie sie leben, was ihnen wichtig ist, was sie über die DDR wissen und was ihnen die deutsche Einheit bedeutet.

Der Grenzgänger

Name: Kim-Fabian von Dall’Armi

Geboren: 10. 12. 1989

@home: Hamburg

Die Grenze ist für seine Generation überwunden – davon ist Kim-Fabian überzeugt. Der 19-Jährige aus Hamburg kann sich schwer vorstellen, wie es für ihn gewesen wäre, in einem geteilten Deutschland aufzuwachsen. Das Land, das er kennt, ist das wiedervereinte Deutschland. Und dafür habe seine Generation Verantwortung. Kim-Fabian kennt die neuen Bundesländer. Bereits als Kind begleitete er seinen Vater, einen Journalisten, der viel über die Länder des ehemaligen Ostblocks berichtete, auf dessen Reisen und verbrachte mit seinen Eltern die Ferien auf der Ostseeinsel Usedom. „Ich bin gerne im Osten unterwegs“, erzählt der Schüler, der gerade seine ­Abiturprüfungen ablegt und Berlin, den Harz, die Mecklenburgische Seenplatte und die Kulturstädte Weimar und Dessau zu seinen Lieblingsorten in Ostdeutschland zählt. Mit Freunden aus Mecklenburg-Vorpommern hat er sich intensiver über die DDR ausgetauscht. Diskutieren, Themen aus Politik und Gesellschaft aus einer anderen Perspektive betrachten: Das will Kim-Fabian auch als Macher des Hamburger Jugendmagazins „Blickwechsel“. „Ich habe den Wunsch, in meinem ­Leben Dinge zu gestalten“, sagt der junge Hamburger. Sein späterer Berufswunsch Architekt passt gut zu dieser Einstellung.

Die Weltoffene

Name: Jamila Al-Yousef

Geboren: 9. 11. 1989

@home: Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern)

Sie ist ein echtes Kind der Wende: Als Jamila in der Nacht vom 9. November 1989 in einem Ost-Berliner Krankenhaus zur Welt kommt, fällt die Berliner Mauer, strömen Tausende DDR-Bürger über die Grenzübergänge in den Westen der Stadt. „Für mich ist der 9. November schon ein besonderer Tag und nicht nur mein Geburtstag“, sagt Jamila. Groß geworden ist sie in der Kleinstadt Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern. Ost und West – dazwischen unterscheidet die 19-Jährige nicht und entgegnet ganz selbstverständlich: „Ich bin in einem Deutschland aufgewachsen.“ ­Ihre Mutter und ihr Vater, ein Palästinenser, der in den achtziger Jahren in die DDR kam, haben ihr von der DDR erzählt. „Mein Opa wurde von der DDR-Staatssicherheit bespitzelt.“ Dass die Menschen in der DDR nicht frei reisen konnten, beschreibt sie als bedrückende Vorstellung. Jamila ist weltoffen, neugierig auf andere Länder und Kulturen. Mit dem Zug ist sie durch Europa gereist, hat in Jor­danien, wo ein Teil ihrer Familie lebt, ­einen Sommerkurs an der Universität Amman besucht, ­zuletzt war sie auf Reisen in Südamerika und will sich jetzt um einen Studienplatz für das Fach ­„Development Studies“ in London bewerben. „In der Entwicklungszusammenarbeit würde ich später sehr gerne arbeiten“, sagt die junge Frau, die sich besonders für die schwierigen ­Beziehungen zwischen Israel und Palästina interessiert. Ihr Traum: in Nahost bei einem Friedens­projekt Jugendliche aus den beiden Ländern über die Musik – eine von Jamilas großen Leidenschaften – ­zusammenzubringen.

Die Nachwuchsreporterin

Name: Tina Oerlecke

Geboren: 30. 6. 1989

@home: Haldensleben (Sachsen-Anhalt)

Tina hat ihren eigenen Weg gefunden, die DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten: Die 19-Jährige aus Sachsen-Anhalt hat im vergangenen Sommer ihre Abiturprüfung in Geschichte abgelegt und sich im Unterricht näher mit dem Mauerbau 1961 beschäftigt. Außerdem schreibt sie seit Ende 2008 als Nachwuchsjournalistin für das Projekt „Reporter ’89“ der Stiftung demokratische Jugend in Berlin. Die Idee: Jugendliche recherchieren Themen oder führen Interviews zur DDR-Geschichte und zum Mauerfall und schreiben darüber Reportagen. Für ihren ersten Artikel hat Tina mit einer Frau, die in der DDR gelebt hat, gesprochen und sie dazu befragt, wie sie die Mauer erlebt hat. „Ich begeistere mich für Geschichte und interessiere mich dafür, darüber zu schreiben“, erzählt die junge Frau, die gerne liest, Klavier spielt und seit einigen Monaten in Magdeburg Journalismus und Medien­management studiert. Für Wendekinder des Jahrgangs 1989 wie sie selbst sei die DDR etwa durch Erzählungen der Eltern noch präsent, sagt Tina. ­Ihre Generation sei schon etwas Spezielles – zwischen dem, was früher die DDR war und heute das geeinte Deutschland ist. „Bei mir gibt es aber ­keine Teilung mehr zwischen Ost und West. Im wiedervereinten Deutschland stehen mir viele Möglichkeiten offen.“ Im Jahr 2009 wird Tina ­weiter als Reporterin des Jugendprojekts recherchieren. Und dabei möchte sie vor allem einer ­Frage noch genauer nachgehen: Wie ist der Staat in der DDR mit oppositionellen Regime-Gegnern umgegangen?

Der Bodenständige

Name: Benjamin Bühring

Geboren: 11. 9. 1989

@home: Treuen (Sachsen)

„Ich bin sehr heimatverbunden und lebe gerne hier.“ Benjamins Heimat ist das Vogtland im Südwesten von Sachsen. In dem 8000-Einwohner-Ort Treuen ist der 19-Jährige aufgewachsen. Hier in der Region hat er seinen Realschulabschluss gemacht und vor rund drei Jahren eine Ausbildung als Drucker in einem Druckereibetrieb der Region begonnen. „Die Zusage für die Ausbildungsstelle war für mich wirklich eine glückliche Nachricht“, erzählt Benjamin, der nach Abschluss seiner Ausbildung gerne in seinem Betrieb bleiben möchte. Auf seine Prüfung im Mai bereitet er sich zusätzlich an der Berufsschule in Dresden vor. Der Unterricht dort hat auch sein Interesse am Leben und Alltag in der früheren DDR geweckt. Denn was die DDR war, das kennt Benjamin nur aus einigen ­wenigen Erzählungen seiner Eltern. Benjamin selbst sagt, er fühle sich durch und durch als ein Westkind, sei ganz „normal“ aufgewachsen. Wie viele Jugendliche in seinem Alter spielt er gerne am Computer oder chattet im Internet. Daneben begeistert er sich für Technik, zeichnet, liest – auch Philosophie-Klassiker von Nietzsche und Schopenhauer – und zeigt Interesse für Städte. ­Eine seiner Lieblingsstädte liegt in seiner Heimat: Für Dresden und dessen Architektur schwärmt Benjamin ganz besonders.

16.06.2009
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