Herr Bumke, bereits Anfang des Jahres startete die Veranstaltungsreihe „Deutschland in Vietnam“ . Was ist der Anlass für diese Veranstaltungsreihe?
Der eigentliche und formelle Anlass liegt im 35-jährigen Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der SVR Vietnam, die gleich nach dem Ende des Krieges 1975 aufgenommen wurden. Auf einer grundsätzlicheren Ebene aber darf man feststellen, dass es einen günstigeren oder passenderen Zeitpunkt für die Feiern hätte kaum geben können. Eine ganze Reihe von teilweise weit zurückreichenden Strängen in diesen Beziehungen intensivieren und verdichten sich derzeit in einer Weise, die den deutsch-vietnamesischen Beziehungen insgesamt eine völlig neue Qualität verleiht und die im Jahre 2010 gleichermaßen zu Rückblick wie zu Ausblicken einlädt.
Was verbindet Deutschland und Vietnam besonders?
Mit keinem südostasiatischen Land unterhält Deutschland seit Jahrzehnen derart intensive Beziehungen. Der weit in die 1960er und 70er Jahre zurückreichende akademische Austausch mit der ehemaligen DDR, der so viele Vietnamesen auch in höchsten Positionen geprägt hat, lebt unter den Bedingungen eines für junge Vietnamesen und Vietnamesinnen attraktiv erscheinenden Studienstandorts Deutschland wieder auf. Eine gerade eröffnete Vietnamesisch-Deutsche Universität in der Wirtschaftsmetropole Saigon/Ho Chi Minh City (HCMC) soll auch Nachwuchs für die dynamische Wirtschaft des Landes ausbilden.
Wie entwickeln sich denn die wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder?
Die aus der Vertragsarbeiterphase der DDR in Deutschland verbliebenen Vietnamesen werden in deutschen Städten nicht nur sichtbar in Lebensmittelläden und vietnamesischen Restaurants. Ihr Geldtransfer und teilweise ihr Know-how helfen mit, eine ungeheuer dynamische vietnamesische Wirtschaft mit anzutreiben, deren Handelsvolumen mit Deutschland von Jahr zu Jahr in beiden Richtungen wächst. Wirtschaftsdelegationen aus deutschen Landen geben sich derzeit in Hanoi und Saigon/HCMC die Klinke in die Hand. Der sowohl traditionelle wie neubegründete vietnamesische Bildungswillen und der seit der wirtschaftlichen Öffnung Ende der 1980er Jahre freigesetzte Erwerbsinn der Vietnamesen unterfüttern eine ungeheure kollektive Aufbauleistung und erzeugen zugleich unter Globalisierungsvoraussetzungen eine gründerzeitliche Goldgräberstimmung.
Und wie steht es um ist den kulturelle Austausch?
Das Land sucht Anschluss im Bereich der Kultur und internationalen Kunst. Sowohl der staatlich geförderte Kulturbetrieb wie vor allem eine sich rapide entwickelnde freie Kunst- und Medienszene verfolgen aufmerksam und interessiert die Entwicklungen in Deutschland. Eine wachsende Zahl deutscher Bildungs- und Rucksacktouristen haben das Land als den meistgehandelten Geheimtipp in Südost-Asien entdeckt, die älteren unter ihnen vergleichen erstaunt die mitgebrachten Bilder von Krieg und Boat People mit den an ihnen auf ihren Hondas vorbeiflitzenden Vietnamesen, von denen 70 Prozent nach dem Ende des Kriegs 1975 zur Welt kamen.
Welche Themen stehen in dem Veranstaltungsjahr im Vordergrund?
Die deutsche Seite hat sich entschlossen, insbesondere Fragen der Stadtentwicklung und der Umwelt in den Vordergrund zu stellen und die ganze Ereignisfolge dergestalt etwas zu fokussieren. Zugleich haben wir das Programm so konzipiert, dass die gesamte Bandbreite der Beziehungen darin Platz findet.
Wie umfangreich ist das Programm? Und auf welche Höhepunkte können sich die Menschen in Vietnam freuen?
Das Programm, das man in seiner jeweils aktuellen Form unter www.deutschland-in-vietnam.de einsehen kann, bietet über das ganze Jahr 2010 verteilt weit über 60 große Veranstaltungen an. Neben festlichen kulturellen Veranstaltungen, beginnend mit einer deutsch-vietnamesischen Aufführung von Beethovens 9. Symphonie, entfalten wir einen weiten Fächer von musikalischen Darbietungen von der Klassik bis Elektronik, landesweiten Filmfestivals in fünf großen Städten, innovativem Musiktheater, Installationskunst und Fotografie, Gegenwartstanz und Videokunst. Sowohl die repräsentative Geste wie die künstlerische Kooperation über kulturelle Grenzen sollen dabei vertreten sein und ein wesentlich weiteres Publikum soll erreicht werden als dies sonst im Rahmen des regulären Kulturaustauschs der Fall sein kann.
Historisch bedingt sprechen fast 100000 Vietnamesen deutsch. Wie ist das Interesse an der deutschen Sprache heute?
Bei uns im Goethe-Institut haben sich im vergangenen Jahr fast 4000 junge Vietnamesen und Vietnamesinnen für einen Deutschkurs eingeschrieben. Das ist eine stolze Zahl, die sowohl den ausgeprägten Bildungswillen in diesem Land wie die wiederentdeckte Attraktivität des Studienstandorts Deutschland widerspiegelt. Zugleich arbeiten wir intensiv daran Deutsch als Fremdsprache im Sekundarschulbereich zu etablieren.
Parallel zum Deutschlandjahr in Vietnam findet ein Vietnamjahr in Deutschland statt…
Ja, die vietnamesische Seite wird sich durch traditionelle Kunstdarbietungen als attraktives Touristenziel präsentieren. Insgesamt wird ja durch die internationale wirtschaftliche und politische Vernetzung die Außendarstellung eines Landes zunehmend wichtiger. Das hat man auch in Vietnam als Chance erkannt
Die Fragen stellte Martin Orth














