Wie sehen Amerikaner Deutschland heute, zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer? Ich will dazu ein paar Eindrücke schildern. Beginnen wir mit einer wahren Geschichte aus der Zeit des Kalten Kriegs. 1987 nahm ich an einem dieser Ost-West-Seminare teil, die die Kirche damals oft veranstaltete. Es fand in der DDR, nicht weit von Gera, statt. Es gab an diesem Wochenende viele unbeschwerte Augenblicke, zum Beispiel als die ostdeutschen Männer Schlange standen für eine Runde mit meinem VW Polo. Und es gab den üblichen Galgenhumor, wenn unsere Gastgeber über unsere „Aufpasser“ witzelten, zwei als Touristen getarnte Stasi-Agenten.
Eines Nachmittags aber diskutierten wir, wie die Welt zu ändern wäre. Ich war der einzige Nichtdeutsche und sah mit Verwunderung, wie Ost- und Westdeutsche über sämtliche Probleme der Welt redeten, bloß nicht über ihre eigenen. Im Vertrauen auf das Verständnis meiner Gastgeber für meine amerikanische Unbedarftheit platzte ich mit meiner Frage heraus: „Was wäre, wenn morgen die Mauer fiele?“ Ost- wie Westdeutsche waren einhellig entsetzt. Eisiges Schweigen breitete sich aus. Dann sagte einer der Ostdeutschen: „Der Westen würde uns niedermachen.“ Westdeutschland wäre überfordert, warf einer der Westdeutschen ein, so eine Wende könnte nicht über Nacht stattfinden. Daran musste ich in den letzten zwanzig Jahren immer wieder denken, wenn von der Mauer in den Köpfen die Rede ist. Ich weiß noch, wie ich mich bei einem meiner ersten Berlinbesuche nach dem Mauerfall in der Stadt verirrte: Ohne die Mauer hatte ich meine Orientierung verloren. Auch für die Deutschen war die Mauer mehr als nur eine Grenze. Die Mauer war so etwas wie ein Kompass. Sie hat den Deutschen geholfen, sich in der Vergangenheit und der Zukunft zurechtzufinden. Sie hat ihnen mitgeteilt, wer sie sind – Wessi oder Ossi. Gewinner oder Verlierer. Und seit dem Mauerfall suchen sie einen neuen Kompass.
Das heutige Deutschland sieht natürlich völlig anders aus. Die Deutschen setzen große Hoffnungen in die politischen Verände-rungen in den USA. Doch diese Hoffnung setzt voraus, dass die Deutschen erst einmal eine Vergangenheit finden, an die sie glauben können. Und darum, vermute ich, geht es eigentlich bei all dem Gedenken an 1949 und 1989: Nicht die Finsternis der Nacht gilt es zu vergessen, sondern das Licht eines neuen Tages zu begrüßen. Vielleicht ist vielen Deutschen noch immer nicht klar, dass die Mauer viel mehr war als eine materielle Trennlinie. Nach Barack Obamas Berliner Rede 2008, in der er sagte, der Fall der Mauer habe uns die Hoffnung gegeben, dass alle Grenzen überwunden werden könnten, fragte mich ein deutscher Journalist, was damit denn gemeint sei: Warum sollte der Fall der Berliner Mauer in Deutschland für einen Amerikaner irgendeine Bedeutung haben? Ich fragte zurück: Warum glaubt ihr, der Sieg sei nur für euch?














