Grimms Märchen als Manga erzählen. Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen. Die japanische Mangazeichnerin Kei Ishiyama hat dieses ungewöhnliche Experiment gewagt – mit Rotkäppchen, Rapunzel, Hänsel und Gretel und all den anderen bekannten Figuren. Das Experiment ist gelungen. Auf sehr individuelle Art hat Kei Ishiyama die volkstümlichen Erzählungen der Kasseler Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, die Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden, in das japanische Comic-Format übertragen. Inzwischen ist die zweibändige Eigenproduktion des Hamburger Tokyopop-Verlags nicht nur in der Heimat der Grimm-Brüder, sondern auch in Brasilien, Frankreich, Italien, Schweden, Griechenland, Finnland, Brasilien, Ungarn und Russland erschienen.
Lange Zeit war Kei Ishiyama nur Hobby-Mangaka – in Gegenteil zu ihrer Schwester Misaho Kujiradou, die mit „Princess Ai“ international erfolgreich war. Als Kei Ishiyama mit ihrem Mann für ein Jahr in Düsseldorf lebte, besuchte sie ihre Schwester auf der Frankfurter Buchmesse am Stand des Hamburger Tokyopop-Verlags. Ishiyama zeigte ihre Zeichnungen und erzählte von ihrer Idee, die Märchen der Gebrüder Grimm als Manga zu zeichnen. Das war der Schlüssel für ihren Erfolg.
Einige Märchen kannte Ishiyama noch aus ihrer Kindheit, denn sie sind auch in Japan sehr beliebt. Bevor sie jedoch ihr Projekt startete, las sie zunächst drei dicke Märchenbücher der Brüder Grimm auf Japanisch. Dabei kam sie darauf, die Charaktere der Figuren etwas zu verändern. So entstanden neue Rollen-Konstellationen und Interpretationen des altehrwürdigen Stoffs. Bei Kei Ishiyama haben Rotkäppchen und der Wolf gute Chancen, ein Liebespaar zu werden und Schneewittchen wird nicht nur vom Prinzen, der sie wachküsst, verehrt, sondern auch von dem jüngsten Feen-Zwerg namens „Licht“. Die originelle Umsetzung und die Comic-Sprache kommen bei der deutschen Leserschaft gut an.
Vor gut 20 Jahren erschienen die ersten Manga in Deutschland. 1997 führte der Carlsen-Verlag mit „Dragon Ball“ das Taschenbuchformat Manga in Deutschland ein. Bald darauf folgte der Ehapa-Verlag mit „Sailor Moon“. Das war der Durchbruch. Lag 1997 der Manga-Umsatz noch bei drei Millionen D-Mark, waren es 2005 schon 65 Millionen Euro. Inzwischen hat er sich bei 60 Millionen Euro eingependelt. Besonders beliebt sind die japanischen Comics bei Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren. Längst gibt es die Taschenbücher, die man auch in der deutschen Version von hinten nach vorne liest, nicht mehr nur als ins Deutsche übersetzte Geschichten aus Japan. Der Tokyopop-Verlag, 2004 gegründet, bringt neben japanischen Serien seit einiger Zeit auch eigene Produktionen heraus.
Mit dem Markt hat sich in Deutschland eine ernstzunehmende Mangazeichner-Szene entwickelt. Doch anders als in Japan, wo der Anteil der Zeichnerinnen nur etwa 20 Prozent ausmacht, sind in Deutschland gut die Hälfte Mädchen und junge Frauen. Zu ihnen gehören Inga Steinmetz, 27, und Natalie Wormsbecher, 24. Die beiden Berlinerinnen zeichnen hauptberuflich für den Tokyopop-Verlag. Steinmetz arbeitet derzeit an der Ser„e „Freche Mädchen – freche Manga!“ Als Vorlage dient eine bekannte Jugendromanreihe. Wormsbecher hingegen zeichnet gerade an der Serie „Life Tree’s Guardian“. Beide sind Autodidaktinnen.
Erst malten oder pausten sie die Figuren ab. Später entwickelten sie eigene Figuren. Immer stärker wurde der Drang, zu zeichnen und sich über die kulleräugigen Wesen auszudrücken. „Gegen Ende der Schulzeit bereitete diese Leidenschaft unseren Eltern zusehends Bauchschmerzen, weil sie merkten, wie ernst es uns damit war. Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass wir damit unseren Lebensunterhalt verdienen können“, erzählen beide übereinstimmend. „Es ist ja auch ein bisschen verrückt. Wer sitzt schon freiwillig zwölf Stunden am Schreibtisch, während andere feiern gehen?“. Ihre Lösung: Sie zogen zusammen. Seit einem Jahr wohnen sie nun als „Manga-WG“ in ihrer mit zahlreichen Manga-Figuren und -Plakaten dekorierten Wohnung in Berlin-Neukölln.
Dort entstehen Tag für Tag süße Mädchen mit Riesenaugen, die sich mit Liebeskummer, Intrigen oder Figurproblemen beschäftigen. Natalie Wormsbecher schreibt auch die Texte zu ihrer Serie, die sich um Magie und Romantik dreht. „In einfacher, aber nicht derber Sprache. Wir wollen ja die Kinder und Jugendlichen nicht verschrecken“, so Wormsbecher. Inga Steinmetz schreibt Manga-Rezensionen für eine deutsche Tageszeitung – zuletzt über Grimms Manga. „Ishiyama hat sich ihren Figuren mit viel Respekt genähert. Ich schätze ihre Arbeit sehr“, sagt Steinmetz. Highlights sind für die beiden jungen Frauen jedes Jahr die Messen. Dann stehen sie im Rampenlicht und werden von kreischenden Fans wie Pop-Stars gefeiert. Dann kommen sie sich schon mal vor wie im Märchen.














