Exzellenz, Kanada wird im Juni sowohl beim G8- als auch beim G20-Gipfel in der Gastgeberrolle sein. Welche Erwartungen hat Ihr Land an die beiden Treffen?
Die zeitliche Nähe der beiden Treffen haben wir bewusst gewählt. Vor allem die globale Wirtschaftskrise fordert ein gelingendes Zusammenwirken beider Gruppen. Die Einführung der G20, die einen stärkeren Einfluss der Schwellenländer mit sich gebracht hat, war notwendig, um den Herausforderungen der Krise auf breiter Basis entgegenzutreten. Kein Land kann sich der weltweiten Krise entziehen, dafür sind wir alle viel zu sehr miteinander vernetzt. Das gilt natürlich auch für Kanada, auch wenn wir die Krise bisher gut überstanden haben – ohne Hypothekenblase oder große Liquiditätsprobleme bei den Banken. Die beiden Gipfeltreffen sollen auch deutlich machen, dass die internationale Gemeinschaft im Kampf gegen die Krise nicht nachlässt.
Welche Rolle spielt für Sie in diesem Zusammenhang Deutschland?
Deutschland und Kanada verbinden nicht zuletzt die gemeinsamen Anstrengungen gegen den Protektionismus. Das wäre die falsche Antwort auf die Krise. Beide Länder erwirtschaften knapp die Hälfte ihres Bruttoinlandsprodukts durch Export. Dieser ist besonders auf freie Märkte angewiesen.
Was verbindet Kanada darüber hinaus mit Deutschland?
Nicht zuletzt, dass rund zehn Prozent der Kanadier deutsche Wurzeln haben. Darüber hinaus pflegen wir intensive Handelsbeziehungen. – und dann ist Deutschland für Kanada auch führende Kraft in der Europäischen Union. Die Bundesrepublik ist für unser Land vor dem Hintergrund der laufenden Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada ein sehr wichtiger Ansprechpartner. Deutschland liegt zudem bei den Patentanmeldungen weltweit an zweiter Stelle hinter den USA und ist auch aus diesem Grund ein wichtiger Partner für uns.
Auch der Afghanistan-Konflikt stellt beide Länder vor gemeinsame Herausforderungen.
In der Tat. Afghanistan ist die größte Herausforderung für die Nato seit dem Ende des Kalten Krieges. Neben dem militärischen Einsatz beider Länder wird in der öffentlichen Diskussion oft übersehen, welche zivilen Anstrengungen beide Länder für den Wiederaufbau des Landes leisten. So zahlt Kanada Afghanistan in den nächsten Jahren noch einmal 1, 9 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe. Mit einer solch hohen Summe wird kein anderes Land von Kanada unterstützt. Auch in Afghanistan gibt es eine intensive Zusammenarbeit mit Deutschland. Wir engagieren uns gemeinsam in der Ausbildung des afghanischen Militärs und der Polizei, unterstützen zusammen landwirtschaftliche Projekte. Aufgrund ihres gemeinsamen demokratischen Werteverständnisses setzen sich Deutschland und Kanada auch besonders für die Rechte der Mädchen und Frauen in Afghanistan ein, etwa im Bereich der Bildung. Unser Engagement für den Wiederaufbau des Landes wollen wir auch nach dem Abzug der kanadischen Truppen Ende 2011 fortsetzen.
Wo sehen Sie Verbesserungsmöglichkei-ten im deutsch-kanadischen Verhältnis?
Nun, es gib zwar intensive kulturelle Beziehungen zwischen unseren Ländern. Aber ich wünsche mir, dass junge Kanadier noch stärker Austauschprogramme nutzen und für ein Jahr nach Deutschland kommen. Mit dem Youth Mobility Agreement haben Deutschland und Kanada 2006 hierfür eine gute Grundlage geschaffen. Derzeit arbeiten und studieren rund 5000 junge Deutsche in Kanada, auf der anderen Seite sind es leider nur etwa 500 junge Kanadier in Deutschland.
Was spricht Ihrer Meinung nach für einen Aufenthalt in Deutschland?
Vieles: die netten Menschen, das vielfältige kulturelle Angebot, die fantastische Geschichte, die bildschöne Landschaft. Und gerade auch die wunderbaren Universitäten mit ihrer großen Tradition. Junge deutsche Studierende und Wissenschaftler interessieren sich zudem mit großer Begeisterung für Kanada. Das habe ich erst Mitte Februar wieder auf der traditionellen Tagung der Gesellschaft für Kanada-Studien im bayerischen Grainau erleben dürfen. Zum Erlernen der deutschen Sprache kann ich auch nur ermutigen. Schon allein, weil sich dadurch ein anderer Zugang zum großen kulturellen Reichtum des Landes eröffnet. Goethe und Schiller sollte man nach Möglichkeit nicht auf Englisch oder Französisch, sondern auf Deutsch lesen. Die faszinierende deutsche Geistesgeschichte erschließt sich durch die deutsche Sprache noch einmal ganz anders. Auch die 2009 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnete Schriftstellerin Herta Müller beweist, welche Kraft von der deutschen Sprache ausgehen kann.
Herta Müller wurde als Mitglied der deutschen Minderheit in Rumänien geboren, zu dieser Minderheit gehörten auch Ihre Eltern – bis sie im Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden und nach Kanada auswanderten.
Ja, in meinem Elternhaus wurde auch in Kanada Deutsch gesprochen. Auch meine Kinder sprechen heute noch mit ihren Großeltern Deutsch. In meiner beruflichen Laufbahn hat es allerdings 27 Jahre gedauert, bis ich die Sprache so nutzen konnte, wie jetzt in Deutschland. Ich genieße es! Ich versuche, alle meine Gespräche mit Deutschen auf Deutsch zu führen. Nun sprechen viele Deutsche sehr gut Englisch und gerade hier, in der politischen Welt Berlins, käme ich wohl auch nur mit Englisch sehr gut durch. Deutschland ist aber vielmehr als Berlin. Ich versuche, mindestens einmal in der Woche einen Termin irgendwo anders in der Bundesrepublik wahrzunehmen. Und gerade auf meinen Dienstreisen habe ich durch meine Deutschkenntnisse einen besseren Zugang zu den Menschen. Die Sprache öffnet mir ihre Türen und Herzen.















