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Ein Interview mit dem Siebold-Preisträger Akio Ogawa

„Deutsch aus ferner Nähe“

Im Juni erhielt der japanische Sprachwissenschaftler Professor Dr. Akio Ogawa den Philipp Franz von Siebold-Preis. Ein Interview

Akio Ogawa (by Humboldt Foundation/Wolfgang.Reiher)

Herzlichen Glückwunsch, Herr Ogawa, zum Siebold-Preis. Ist die Ehrung der vorläufige Höhepunkt eines Lebens und Arbeitens zwischen Japan und Deutschland?

Ja, selbstverständlich! Das ist für mich ein großer Ansporn. In meiner Dankrede an den Bundespräsidenten habe ich unterstrichen, dass das gedankliche Pendeln zwischen den beiden Hemisphären mich und insbesondere meine Forschung stark geprägt hat und auch weiterhin prägen wird. Pendeln heißt, etwas aus der Nähe und dann wieder aus der Ferne zu betrachten, was zu vielen spannenden Entdeckungen führt. „Deutsch aus ferner Nähe“ heißt der Titel eines von mir mit herausgegebenen Buchs, das auch der Bundespräsident in seiner Rede freundlicherweise erwähnte. Ich habe parallel dazu auch „Japanisch aus naher Ferne“ kennenlernen können. In der Begegnung mit dem Fremden wird zugleich das Eigene neu beleuchtet. Beides ist für mich untrennbar miteinander verbunden und befruchtet sich gegenseitig.

Sie hielten sich mehrfach zu Studien- und Forschungszwecken in Deutschland auf. Was interessiert Sie persönlich an diesem Land?

Dass Deutschland in diversen Beziehungen von Japan verschieden ist. In Deutschland wird zum Beispiel Individualität groß geschrieben, und erst darauf aufbauend spricht man von Gruppe oder Kooperation. In Japan führt der Weg in entgegen gesetzter Richtung, das heißt vom Allgemeinen hin zum Individuellen.

In welcher Stadt oder Region hat es Ihnen am besten gefallen?

Ich kann mich nicht entscheiden, denn alle Städte und Regionen, die ich besucht habe oder wo ich mich längere Zeit aufgehalten habe, weisen ihren eigenen Charme auf. Das Ruhrgebiet, wo ich als DAAD-Stipendiat an der Universität Dortmund studierte, bietet etwas Kraftvolles, Bodenständiges und Schlicht-Gutes, was vor allem der allgegenwärtige Schrebergarten repräsentiert. In „Erwins Ecke“, in die es mich per Zufall verschlagen hat, habe ich viel gesprochenes Deutsch gelernt, kein bildungssprachliches, aber dafür ein Deutsch, das hochlebendig war. In Köln war ich als Humboldt-Stipendiat Gastforscher. Dort hat mir die Aufgeschlossenheit sowohl der Menschen wie auch der Wissenschaft, die mit konstruktiven Kritiken einhergeht, gut gefallen. Nicht vergessen: Kölsch in doppeltem Sinne. In Hamburg lehrte ich als Gastprofessor in der Japanologie. Das Klischee „kühle Mentalität“ hat sich schon zu Beginn verflüchtigt, denn die ­Kollegen haben mich mit intensiver Wärme aufgenommen und die Studierenden ­bestechen durch ihren Enthusiasmus. Die Stadt an sich ist in ihrer „kühlen“ Art wunderschön. Und Berlin, die Stadt, die ich mehrfach besucht habe und wo ich mich diesmal anlässlich des Siebold-Preises längere Zeit aufhalten werde, reizt mich in ihrem Komplex von Wissenschaften und Kulturen, die miteinander konfrontieren und konkurrieren. Da ist für mich noch spannendes Recherchieren vonnöten. Viele Städte und Regionen, die ich das eine oder andere Mal besucht habe und hier natürlich nicht alle aufzählen kann, bergen etwas Besonders in sich. Kurz: Deutschland ist interessant in seiner regionalen Verschiedenheit, die sich markanterweise eben in den Dialekten niederschlägt. Eine Nivellierung dort, etwa unter allzu großem Einfluss durch die „Bildungssprache“ Englisch, fände ich jammerschade!

Sie sind Professor für deutsche Sprachwissenschaft an der Kwansei-Gakuin-Universität. Welches Thema beschäftigt Sie im Augenblick?

Mich beschäftigt die Frage, wie und warum die Sprachen der Welt so verschieden sind, sowie die Frage, was den so vielfältigen Sprachen gemeinsam ist. Die erstere basiert darauf, dass Sprachen in ihren jeweils einzelnen „Kulturen“ eingebettet sind; die letztere stammt davon, dass Sprachen nur der Spezies „Mensch“ eigen sind. Es handelt sich um Sprachtypologie in Verbindung mit Kulturwissenschaft einerseits und Kognitionswissenschaft andererseits. Als Dreh- und Angelpunkt zu diesem Forschungsansatz bieten Deutsch in seiner Physiognomie als eine wohl typisch europäische Sprache und Japanisch, das mit anderen asiatischen Sprachen eine ganze Reihe von nennenswerten Eigenschaften gemeinsam hat, unerschöpflich vielversprechende Stoffe, vor allem bei vergleichender Herangehensweise.

Der Preis ist nach dem Japan-Forscher Siebold benannt. Verbindet Sie etwas mit Siebold?

Zu einem gewissen Grad schon, und vielleicht doch in essenziellem Sinne. Ich betrachte von Siebold weder als für die damalige Zeit seltenen Japan-Spezialisten noch als Missionar deutscher beziehungsweise europäischer Medizin, sondern als Forscher, der sich des Fremden und dadurch gewiss auch des Eigenen tief bewusst war und sich so über die Ab-/Angrenzung, die Überlappung und vielleicht sogar über die Vereinbarkeit von beidem Gedanken gemacht haben müsste, wie ich es als Sprachwissenschaftler, zwar in anderer Art und Weise, aber ebenfalls gerne tue. Auch die Tatsache, dass von Siebold, obwohl er wegen eines wohl unbegründeten Spionageverdachts „für ewige Zeiten“ aus Japan verbannt worden war, sich Jahre später aber erneut auf den Weg in Richtung Wahlheimat machte, stellt für mich eine symptomatische Affinität dar. Ich meine damit etwas, was einen zum Fremden immer wieder hinreißt oder hinzieht.

Der Preis soll das gegenseitige Verständnis von Japan und Deutschland fördern. Wie schätzen Sie das gegenseitige Verständnis derzeit ein?

Das Verhältnis zwischen japanischen Germanisten und deutschen Japanologen ist schon ungleichmäßig genug. Das ist aber traditionell bedingt und hat bislang trotzdem gut funktioniert. Nachholbedarf, oder besser ein gewisses Bedenken empfinde ich vielmehr in Bezug darauf, dass die beiden Länder nicht voreilig zur „Internationalisierung“ neigen sollten. Wissenschaft, in meinem Fall Sprachwissenschaft, muss natürlich international betrieben, entwickelt und genossen werden. Dabei bewegt uns aber meines Erachtens gerade die wissenschaftskulturelle und somit die kulturelle Vielfalt des Fremden und dazu erneut des Eigenen hin zu einer Trans- beziehungsweise Internationalisierung. Doch „internationalisierte Standards“ etwa machen vieles uninteressant. Ich meine damit keinesfalls, dass wir uns verschanzen sollten, sondern alles erst mit der notwendigen Geduld reifen zu lassen, um uns dann auf internationaler Ebene zu treffen und „auseinanderzusetzen“ (schönes deutsches Wort!). Dass wir dabei etwas verpassen, glaube ich nicht.

Die Fragen stellte Martin Orth

07.07.2009
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