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„Der Vergangenheit ins Auge sehen“

Im Jahr 2000 wählte der Deutsche Bundestag Marianne Birthler zur Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Bis heute setzt sich die Berlinerin für die Aufarbeitung der Stasi-Akten ein

Frau Birthler, von Ihnen stammt der Satz: „Ich bin in der DDR aufgewachsen, aber ein ‚Kind der DDR’ war ich nie.“ Wie haben Sie und Ihre Familie in der DDR gelebt?

Ich komme aus einer Ost-Berliner Familie, die sich, solange ich zurückdenken kann, in einer kritischen Distanz zur DDR befand. Darum bin ich mit einer DDR-kritischen Haltung aufgewachsen.

Haben sich Ihre Eltern öffentlich ­gegen das Regime ausgesprochen?

Nein. Meine Mutter hat nicht öffentlich der herrschenden Politik widersprochen. Aber sie hat uns zu Hause so etwas wie die Liebe zur Freiheit eingepflanzt. Wir ­haben Radio und Fernsehen aus dem Wes­ten empfangen. Wir haben die Übertragungen von Bundestagsdebatten angeschaut. Unsere Mutter hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie die Bundesrepublik für eine Demokratie hält, in der die Menschen in Freiheit leben. Die DDR dagegen war in ihren Augen ohne Zweifel eine Diktatur.

War der Empfang von Westmedien nicht gefährlich für Ihre Familie? Mussten Sie nicht Repressalien befürchten, falls dies bekannt werden würde?

So schlimm war es nicht. Selbstverständlich hat man öffentlich nicht darüber gesprochen, auch in der Schule nicht. Aber viele Menschen wussten voneinander, dass Sie Westsender einschalten. Und privat wurde darüber auch diskutiert, über Nachrichten oder auch darüber, welcher Krimi im Fernsehen gelaufen ist. Allerdings muss man sich klar machen: Ich spreche jetzt von der späten DDR. Da ­waren die Verhältnisse im Land schon ­etwas anders.

Sie haben sich offen in Oppositionsgruppen engagiert und damit die politische Verfolgung riskiert. Haben Sie damals daran geglaubt, die DDR ­tatsächlich politisch überwinden zu können?

In den Oppositionsgruppen waren wir uns nur einig, wogegen wir sind. Wir haben uns gegen die bestehenden Verhältnisse in der DDR eingesetzt. Wir wollten mehr Selbstbestimmung, wir wollten nicht mehr länger bevormundet werden. Konkrete Vorstellungen oder Zukunfts­visionen hatten wir nicht. Für uns stand die Auseinandersetzung mit den konkreten Missständen im Staat an oberster Stelle. Aber ein klares Bild von dem, was einmal daraus werden soll, das hatten wir nicht.

Was haben Sie gefühlt, als Sie am 9. November 1989 vom Fall der Mauer hörten?

Natürlich war ich überglücklich, als sich die Grenze nach Westen öffnete. Aber der Fall der Mauer war nur ein Tag in einer ganzen Reihe von Ereignissen. Ihm ging etwas voraus, was das historische Ereignis erst möglich machte. Und das war die friedliche Revolution. Sie war entscheidend für die Entwicklung in der DDR – ohne sie wäre die Mauer nicht gefallen. Wir waren unendlich erleichtert, dass die SED-Diktatur auf diese friedliche und unblutige Weise ein Ende fand.

Seit dem Jahr 2000 sind Sie „Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR“. Warum engagieren Sie sich auch noch fast zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung für die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit?

Vor allem, weil ich es für wichtig halte, dass sich Menschen über ihre eigene Vergangenheit klarwerden. Wir müssen wissen, wie Diktaturen funktionieren, und wie sich Menschen unter den Bedingungen einer Diktatur verhalten. Das trägt dazu bei, Freiheit und Demokratie wertzuschätzen und nicht für selbstverständlich zu halten. Das ist wichtig, wenn es darum geht, Demokratie zu gestalten.

Manche halten es für das Zusammenwachsen von Ost und West für besser, einen Schlussstrich unter dieses Thema zu ziehen . . .

Nein. Das wäre doch eine Illusion. Wie sollte das aussehen? Dann müssten wir auch Interviews wie dieses verbieten oder den Unterrichtsstoff über die DDR aus den Schulen entfernen. In einer Demokratie ist so ein Schlussstrich überhaupt nicht machbar – zum Glück.

Ist der Umgang mit den Stasi-Akten in Deutschland ein Vorbild für andere Länder, die auch eine Diktatur auf­arbeiten?

Mit dem Begriff Vorbild bin ich eher zurückhaltend, das klingt immer sehr anmaßend. Ich weiß aber natürlich aus Erfahrung, dass sehr viele Länder, die ebenfalls Diktaturen zu bewältigen haben, genau hinsehen, wie wir das machen. Ganz einfach, weil Deutschland das erste Land war, das diesen Weg der Aufarbeitung ­gegangen ist. Andere Länder haben ihre eigenen Wege gefunden. Aber die Arbeit in Deutschland war ein Impuls für diese Staaten, der eigenen Vergangenheit ins Auge zu sehen.

 

Marianne Birthler

Die ehemalige DDR-Bürgerrecht­lerin, Jahrgang1948, ist seit 2000 Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Die Behörde bewahrt in ihren Archiven die Unterlagen der DDR-Geheimpolizei auf und stellt sie nach strengen gesetzlichen Vorschriften Privatpersonen, Institutionen und der Öffentlichkeit zur Verfügung.

18.03.2009
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