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„Der Mauerfall ist Teil meiner Biografie“

Die Öffnung der Grenze erlebte Ulrich Wickert im Ausland. Doch dem Journalisten war schnell klar: Spannender als in Deutschland wird die Arbeit nirgendwo sein

Herr Wickert, am 9. November 1989 waren Sie ARD-Korrespondent in ­Paris. Wie haben Sie den Fall der Mauer in Frankreich erlebt?

Gegen halb acht Uhr abends rief mich ein Freund an, der die Nachrichten im Deutschlandfunk gehört hatte. Ich selbst war gerade auf dem Sprung, denn um acht war ich mit dem ehemaligen Kanzleramtsminister von Willy Brandt, Horst Ehmke, zu einem Essen mit einigen französischen Journalisten verabredet. Ich habe Ehmke sofort davon erzählt und seine spontane Reaktion war: Damit hat Willy Brandts Entspannungspolitik gesiegt.

Hat es Sie als leidenschaftlichen Journalisten damals nicht gereizt, sofort nach Deutschland zu fahren und über die Ereignisse zu berichten?

Doch! 14 Tage später war ich auch schon in Berlin, wo meine Tochter studierte. Ich bin mit ihr sofort in die DDR gefahren, zu dem Ort Bralitz in Brandenburg, wo mein Vater 1915 geboren ­worden ist.

Wie haben die Franzosen auf die ­Meldungen aus Berlin reagiert?

Das französische Volk empfand die ­Öffnung der Mauer wie einen Sieg der ­„Liberté“, und viele junge Menschen, aber auch Politiker wie Simone Veil sind sofort nach Berlin gefahren. Die französische Politik dagegen war entsetzt. Sie hatte Angst vor einem neuen Großdeutschland, das Mitteleuropa beherrschen und aus der Nato und der Euro­päischen Union austreten würde.

Als Sie nach dem Mauerfall das erste Mal wieder nach Deutschland kamen – was für ein Land haben Sie nach ­Ihrer Rückkehr erlebt?

Ich war glücklich, dass ich 1991 zu den „Tagesthemen“ wechseln durfte. Damit war ich dort, wo es für einen deutschen Journalisten am spannendsten war: in der wiedervereinigten Heimat. Es war ein historischer Moment, der das Gefühl eines Aufbruchs vermittelte.

Sie waren 15 Jahre lang Auslands­korrespondent, haben die renommierteste deutsche Nachrichtensendung moderiert, unzählige Politikerinterviews geführt und täglich über die Weltpolitik berichtet. Haben Sie je erwartet, den Fall der Mauer zu erleben?

Ausländern war diese Möglichkeit sehr viel näher als uns Deutschen. Die Fran­zosen etwa erinnerten sich daran, dass auch Elsass und Lothringen mal den Deutschen gehörten. Sie sagten damals: immer daran denken, nie darüber reden. Und sie glaubten, auch wir sähen es so. Aber in Deutschland galt die Teilung als Strafe für Auschwitz. Die Aufhebung der Teilung schien nur durch einen erneuten Krieg zwischen Ost und West möglich.

In Ihren Büchern beschäftigen Sie sich immer wieder mit der deutschen Identität und dem historischen Bewusstsein der Menschen. Welche Rolle spielt der friedliche Fall der Mauer für das deutsche Selbstverständnis?

Heute sehen wir, dass sich die deutsche Identität maßgeblich verändert hat. 1990 habe ich das Buch „Angst vor Deutschland“ herausgegeben. Wenn man heute darin liest, wird man sich verwundert die Augen reiben. So also hat man damals über Deutschland gedacht! Aber daran kann man sehen, wie weit wir uns fortentwickelt haben. Dann habe ich 1997 ein ganzes Buch der deutschen Identität gewidmet: „Deutschland auf Bewährung“, aber ein wesentlicher Identitätssprung kam erst ein Jahr später nach der Wahl von Gerhard Schröder zum Bundeskanzler. Er war der erste Kanzler, der nicht mehr vom Zweiten Weltkrieg geprägt worden ist. Er machte Wahlkampf mit dem Spruch „Mehr Deutschland wagen“. Seine Entscheidung, im Kosovo-Konflikt mitzumachen, aber den USA nicht in den Irak-Krieg zu folgen, hat die deutsche Identität weiter entwickelt und gefestigt.

Für die Ausstellung „Wir waren so frei … Momentaufnahmen 1989/1990“, die vom 1. Mai bis 9. November 2009 im Museum für Film und Fernsehen Berlin zu sehen sein wird, haben Sie Beiträge von Auslandskorrespondenten gesammelt und Interviews mit Ihren Kollegen geführt. Was bedeutet Ihnen der Fall der Mauer 20 Jahre nach dem 9. November 1989?

Ganz persönlich habe ich die Öffnung der Mauer am Brandenburger Tor gegen Mitternacht am 20. Dezember 1989 miterlebt und besitze heute noch ein Stück Mauer mit weißer Oberfläche: also von der Ostseite, wo keine Graffiti aufgesprüht wurden. Damals besuchte der französische Präsident François Mitterrand die DDR und ich gehörte als ARD-Korrespondent in Berlin zur journalistischen Begleitung. Deshalb habe ich ­heute noch das Gefühl, als sei der Fall der Mauer vor 20 Jahren auch ein Teil meiner eigenen Biografie.

 

Ulrich Wickert

Geboren wurde er in Japan, zur Schule ging er in Heidelberg und Paris, sein Jurastudium absolvierte er in Bonn und den USA: Ulrich Wickert, 67, Journalist und Buch­autor, ist ein Kosmopolit. 15 Jahre lang brachte er den deutschen Fernsehzuschauern als ARD-Korrespondent das Neueste aus Wa­shington, New York und Paris in die heimischen Wohnzimmer. Von 1991 bis 2006 prägte er als Moderator die wichtigste deutsche Nachrichtensendung „Tagesthemen“. Ulrich Wickert lebt in Hamburg und Südfrankreich.

12.06.2009
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