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Der Philosoph Kenichi Mishima in Deutschland

Der Habermas-Freund

Der japanische Philosophie-Professor Kenichi Mishima lebt, lehrt und forscht seit den 70er Jahren in Deutschland und Japan. Ein Porträt

Von Martin Orth

Kenichi Mishima (by Tim Wegner)

„Als Philosoph führt man kein aufregendes Leben“, sagt Kenichi Mishima. Der japanische Professor für Sozialphilosophie und zeitgenössische Philosophie sitzt in seinem Büro an der Uni Heidelberg. Das Zimmer ist gut zehn Quadratmeter groß. Rechts und links deckenhohe Holzregale mit Fachliteratur. In der Mitte ein Arbeitstisch mit PC. Mishima ist zu Gast am Japanologischen Institut. Eigentlich ist er Professor an der Tokyo Keizai Universität. Doch von April bis Juni hält er gemeinsam mit Institutsleiter Professor. Dr. Wolfgang Seifert das Seminar „Konzeptionen der Moderne in Japan und Deutschland 1940-1960“. „Schon während der Kriegsjahre, aber auch bis in die fünfziger Jahre wurden von Intellektuellen, Schriftstellern und Aktivisten in beiden Ländern Konzeptionen für eine neue Gesellschaft entwickelt“, steht im kommentierten Vorlesungsverzeichnis. „Modern, demokratisch, freiheitlich waren damals wichtige Stichworte, allerdings auf je verschiedene Weise. Anhand von Schlüsseltexten und am Beispiel von Zeitschriften jener Jahre wollen wir die darin geäußerten Ideen in ihrem jeweiligen Kontext interpretieren, um die ,Unterschiede in der Ähnlichkeit' herauszufinden.“

Mishima, Jahrgang 1942, ist im Thema. Er erlebte die Zeit als Jesuitenschüler in Japan. Der Schuldirektor war Deutscher, sehr streng. „Das war kein Grund, sich für Deutschland zu interessieren“, sagt er heute. Nach der Schule studierte Mishima an der Universität Tokio Philosophie, Vergleichenden Kulturwissenschaft und Germanistik. Er lernte deutsch, denn „ohne deutsche Philosophie kann man nicht philosophieren“, las Kant, Nietzsche, Hegel, Fichte, Schelling, hatte aber keinen Kontakt zu Deutschland - bis ihm Mitte der 60er-Jahre ein „Spiegel“-Artikel über Habermas in die Hand fiel. Dieser Artikel weckte sein Interesse für das damalige Deutschland, für die Kritische Theorie, für Adorno und Horkheimer. 1970 kam Mishima mit einem DAAD-Stipendium zum ersten Mal nach Deutschland, zu Walter Schulz nach Tübingen, einem ausgezeichneten Kenner des deutschen Idealismus und einem Sympathisanten von Willy Brandt. Mishima erlebte die Ausläufe der Studentenrevolte, die lebendigen Diskussionen. „Im Nebeneinander von philosophischer und politischer Auseinandersetzung fügten sich bei mir ganz andere Momente zusammen“, sagt Mishima.

Es beginnt ein philosophisches Leben zwischen Deutschland und Japan. 1973 wird Mishima außerplanmäßiger Professor in Chiba. Von 1975 bis 1978 ist er Professor in Tokio, bevor er wieder für zwei Jahre nach Deutschland zurückkehrt – diesmal als Forschungsstipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung nach Bonn. Zurück in Japan übernimmt er bis 1987 Assistenzprofessuren an den Universitäten Chiba und Tokio. Danach erhält er eine Professur für Philosophie an der Universität Gakushin. Im Jahr 1991 wird er auf den Lehrstuhl für Sozialphilosophie und Vergleichende Zivilisation an der Fakultät für Humanwissenschaften der Universität Osaka gerufen. Von 1994 bis 1995 ist Mishima Fellow des Wissenschaftskollegs in Berlin, seit 2002 Mitglied des Internationalen Beirats für das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Seit 2004 nun ist Mishima Professor für Sozialphilosophie und zeitgenössische Philosophie an der Tokyo Keizai Universität. Für seine wissenschaftlichen Verdienste im Austausch zwischen Deutschland und Japan wurde er 1987 vom Bundespräsidenten mit dem Philipp-Franz-von-Siebold-Preis und 2001 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit dem Eugen-und-Ilse-Seibold-Preis ausgezeichnet.

In seiner philosophischen Laufbahn beschäftigt sich Mishima mit der Kritischen Theorie, der modernen Philosophie, insbesondere der Rezeption Friedrich Nietzsches und Walter Benjamins, der Theorie und Empirie der selektiven und multiplen Moderne sowie mit intellektuellen Diskursen in Deutschland. Mishima veröffentlicht „Walter Benjamin – Sammlung, Destruktion, Erlösung“ (1999), „Licht und Schatten der Philosophie von Nietzsche“ (1997), „Intellektuelle Diskurse in der Bundesrepublik seit 1945“ (1991) und „Nietzsche“ (1987) und übersetzt zahlreiche Werke, unter anderem von Nietzsche, Gadamer, Adorno, Marx und Habermas.

Seit Anfang der 70er-Jahre erlebt Mishima Deutschland hautnah und verfolgt die Entwicklungen interessiert. Wie selbstverständlich redet er heute über die deutsche Ostpolitik, den Nato-Doppelbeschluss, das Aufkommen der Grünen, die Wiedervereinigung und die Sozialdemokratisierung der CDU. Eine prägende Begegnung ist die Bekanntschaft mit Jürgen Habermas, den führenden zeitgenössischen deutschen Philosophen (siehe Porträt Seite 22, Essay Seite 34). „Bei einem Vortrag Anfang der 80er-Jahre habe ich ihm geholfen“, sagt Mishima. „Anschließend haben wir einen Kaffee getrunken und uns ausgetauscht. Seitdem ist der Kontakt nicht mehr abgerissen.“ Mishima übersetzt Werke von Habermas. Sie treffen sich mehrmals in Habermas' Haus in Starnberg und diskutieren über „Gott und die Welt“. Auch zum 80. Geburtstag von Habermas im Sommer dieses Jahres ist Mishima in Frankfurt eingeladen. Die beiden Philosophen haben ähnliche Themen. Wie Habermas mischt sich Mishima immer wieder in öffentliche Diskussionen in seinem Heimatland ein.

Zum Beispiel zum Thema Vergangenheitsbewältigung. Den Unterschied zwischen Deutschland und Japan beschreibt er in wenigen Sätzen. „In den 50ern hat Deutschland die Vergangenheit verdrängt. Seit 1968 geht Deutschland offen mit ihr um. Das finde ich gut. In Japan hat sich zwar in den ersten Nachkriegsjahrzehnten die Öffentlichkeit intensiv mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt. Im Zuge des wirtschaftlichen Wachstums hat man aber die Vergangenheit vedrängt. Bis heute hat der Staat die Massaker nicht anerkannt.“ Oder zum Thema Kulturalismus in Japan, der Überzeugung, dass eine gewisse Kultur zu besonderen Leistungen befähigt. „Ikebana hat mit unseren Autos nichts zu tun“, sagt Mishima. Gehört das Einmischen zu seinem Verständnis von Philosophie? „Die Philosophie hat es heute schwer“, sagt Mishima, „weil sie kein Geld bringt und nicht auf ökonomische Prozesse übertragbar ist.“ Aber die Philosophie, das ist seine Überzeugung, „ist ein wichtiges Medium der Selbstreflexion der Gesellschaft. Deshalb geht es nicht ohne“. Von wegen: Als Philosoph führt man kein aufregendes Leben. Da könnte man auch anderer Meinung sein.

06.07.2009
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