Ein Wissenschafts-, Wirtschafts- und Medienstandort, wie es ihn in Deutschland kein zweites Mal gibt? „Eine geniale Idee!“ Günther Tränkle ist Direktor des Ferdinand-Braun-Instituts (FBH) für Höchstfrequenztechnik und jeden Tag aufs Neue begeistert über das intellektuelle Umfeld seines Arbeitsplatzes: Das FBH ist Teil des Technologieparks Berlin-Adlershof. Solche Wissenscluster gibt es viele in Deutschland. Aber kaum einer ist so erfolgreich wie Adlershof mit seinen zwölf Forschungsinstituten, zwei Teilinstituten, sechs naturwissenschaftlichen Fakultäten der renommierten Humboldt-Universität sowie etlichen Unternehmen und Filmstudios. Physiker nennen solch eine Konzentration von Forschungsstätten „kritische Masse“, da die enge Nachbarschaft die Zusammenarbeit sehr erleichtert. Aus solchen Kooperationen entstehen neue Ideen und neue Produkte, die den Hochtechnologiestandort nicht nur für Berlin zu einer Perle machen. Welche Ergebnisse diese „kritische Masse“ hervorbringt, zeigt das FBH von Günther Tränkle. Effektiv setzen die Wissenschaftler des Instituts die Erkenntnisse ihrer angewandten Forschung in Produkte um. Da werden zum Beispiel für die Industrie Laser-Dioden mit sehr hoher Leistung entwickelt, die schmerzfrei die Desinfektion mit Chemikalien ersetzen, wenn der Zahnarzt einen Zahn gezogen hat. Diese Dioden aus der „Ingenieurs-Bude“, wie Tränkle sein Institut manchmal schmunzelnd nennt, sorgen in einem gemeinsamen Projekt mit dem Unternehmen Bosch für eine punktgenaue Zündung in Verbrennungsmotoren. Zehn Prozent Sprit sollen Antriebe mit dieser Technik bald sparen.
Bei diesem Erfindungsreichtum wundert es nicht, wenn das Ferdinand-Braun-Institut in den vergangenen zehn Jahren fünf eigene Firmen gegründet hat, von denen sich wiederum vier sehr erfolgreich auf dem Markt behaupten. „Wir sind sehr froh, am Standort Adlershof zu sein. Die Vielfalt der Fachrichtungen und der Mix der Wissenschaft sind äußerst attraktiv“, erklärt Tränkle. 400 Unternehmen mit fast 4300 Mitarbeitern forschen und produzieren mittlerweile im Hochtechnologiepark. Beeindruckende Zahlen – und doch ist damit in Adlershof nur ein kleiner Teil der gesamten Forschungslandschaft in der deutschen Hauptstadt konzentriert. „Berlin befindet sich in puncto Lehrangebot und Forschungsleistung auf einem sehr hohen Niveau. Auf diese Leistungsfähigkeit kann der Standort stolz sein“, findet Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank. In der Tat bilden vier Universitäten, 17 Hoch- und Fachhochschulen, mehr als 70 öffentliche und private Institute sowie über 20 Technologiezentren eines der dichtesten Forschungs- und Ausbildungsnetzwerke in Europa. Allein an der Humboldt-Universität forschten 29 Nobelpreisträger, darunter Albert Einstein, Otto Hahn und Werner Heisenberg. Gerhard Ertl, Träger des Chemienobelpreises 2007, arbeitet ebenfalls in der deutschen Hauptstadt. Ein Großteil der rund 137000 Studierenden in Berlin absolvieren ein technisch-naturwissenschaftliches Studium. Bei der von Bund und Ländern initiierten Exzellenzinitiative gehört Berlin mit Baden-Württemberg und Bayern zu den Gewinnern. Vier Exzellenzcluster und sieben Graduiertenschulen bekamen die Berliner Hochschulen jüngst bewilligt, seit kurzem trägt die Freie Universität, nach der Humboldt-Universität zweitgrößte Hochschule der Region, sogar den Titel Exzellenzuniversität. Höchstes Ansehen genießt auch die Charité, das größte Universitätsklinikum Europas. Mit 3500 Betten, 8000 Studierenden, 15000 Beschäftigten und einem Umsatz von 1,8 Milliarden Euro im Jahr ist die gemeinsam von der Humboldt-Universität und der Freien Universität betriebene Charité nach der Deutschen Bahn der zweitgrößte Arbeitgeber in Berlin.
Der gute Ruf der Akademikerschmieden in der deutschen Hauptstadt lockt immer mehr Studentinnen und Studenten aus dem Ausland in die gesamte Region Berlin-Brandenburg. 40 Prozent der Jungakademiker an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder) – Deutschlands östlichster Hochschule – und 25 Prozent an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus kommen aus dem Ausland. 15 Prozent der Berliner Studierenden haben einen ausländischen Pass. Über 1500 Kooperationen vernetzen die Universitäten mit Partnerhochschulen in aller Welt.
Die Chancen der Uniabsolventen, eine Stelle in der Region zu finden, stehen gut. Außerhalb der Universitäten und Hochschulen arbeiten über 50000 Wissenschaftler an privaten und öffentlichen Forschungseinrichtungen – das sind rund 15 Prozent aller Menschen in Deutschland, die überhaupt im Wissenschaftsbereich tätig sind. Vertreten sind in Berlin Forschungseinrichtungen der Fraunhofer- und Max-Planck-Gesellschaften, der Leibniz- und Helmholtz-Gemeinschaften. 1,8 Milliarden Euro an öffentlichen Investitionen fließen jedes Jahr in die Berliner Wissenschaft und Forschung. Die Investition lohnt sich: 13 Prozent aller wissenschaftlichen Patentanmeldungen in Deutschland kommen aus der Hauptstadtregion.
Viele davon entfallen auf den Bereich Life Science. In diesem Forschungsfeld belegt Berlin-Brandenburg europaweit den ersten Platz. 370 Unternehmen der Pharma-, Biotechnologie und Medizintechnikbranche und eine Vielzahl kleinerer Institute arbeiten gemeinsam mit der Charité an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Etwa in der Nutrigenomforschung, die ernährungsbedingte Erkrankungen untersucht und Produkte zur Prävention, Diagnostik und Therapie entwickelt. Mit an Bord sind das Deutsche Institut für Ernährungsforschung und die beiden Max-Planck-Institute für Molekulare Pflanzenphysiologie und Molekulare Genetik sowie Gesellschaften der beiden Global Player Bayer und BASF, Bayer Bioscience und Metanomics. Dr. Arno Krotzky, Geschäftsführer der BASF-Tochter, kann sich keinen besseren Ort für seine Arbeit vorstellen: „Die Region Berlin-Brandenburg bietet für diese Forschung und Entwicklung ein ideales, international einzigartiges wissenschaftliches und technisches Umfeld.“
Diese Einschätzung teilen auch viele Vertreter der Solarindustrie. Ihr europaweit wachstumsstärkster Cluster an Produzenten, Zulieferern und Dienstleistern ist in der deutschen Hauptstadt entstanden. 4000 Menschen erforschen und produzieren die saubere Energie – Tendenz steigend. 250 Millionen Euro investierte das deutsche Unternehmen Conergy in die weltweit modernste integrierte Silizium-Wafer-Zellen-Produktion. First Solar Manufacturing baut die weltgrößte Dünnschicht-Solarfabrik. Was Solartechnologie aus Berlin leistet, zeigt die Fassade des Ferdinand-Braun-Instituts für Höchstfrequenztechnik in Adlershof: Auf einer acht mal achtzig Meter großen Fläche sammelt eine sogenannte Solarwand Sonnenenergie ein und erzeugt daraus elektrischen Strom. Selbstverständlich schmückt sich das Institut in der Wissenschaftsstadt nicht mit herkömmlichen Solarzellen, die im bekannten Blau schimmern. Am FBH fangen Zellen aus einer anthrazitfarbenen Mischung aus Kupfer, Indium und Schwefel Sonnenenergie ein. Diese Solarzellen sind nicht nur erheblich billiger als herkömmliche Fabrikate – sie können wahrscheinlich in einigen Jahren die heute noch sehr teure Photovoltaik konkurrenzfähig machen. Hersteller der Solarwand ist – wen wundert es – ebenfalls eine Firma aus dem Technologiepark Adlershof: Sulfurcell. Und dieses Unternehmen entstand 2001 wiederum aus dem Hahn-Meitner-Institut, dessen Photovoltaik-Abteilung in Adlershof die neuartige Mischung zum Umwandeln von Sonnenenergie in elektrischen Strom entwickelt hat. FBH-Direktor Günther Tränkle hat Recht: Die Entwicklung des Hochtechnologiestandorts Berlin-Adlershof war tatsächlich eine geniale Idee.














