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Das Gefühl, etwas bewegen zu können

Wissen und Kreativität sind die Grundlagen zukünftigen Wachstums. Wie verändert sich die Arbeitswelt, wen betrifft der Wandel und wo liegen die kreativen Zentren? Ein Interview mit Professor Nico Stehr

Von Martin Orth

Herr Stehr, als Kulturwissenschaftler beschäftigen Sie sich mit dem Übergang von der Industriegesellschaft in eine Wissensgesellschaft. Was zeichnet diese Transformation aus?

Die Grundlagen der sich am Horizont abzeichnenden Gesellschaftsordnung basieren auf Wissen. Als wir Anfang der 1980er-Jahre erstmals den Begriff der Wissensgesellschaft in die wissenschaftliche Diskussion einbrachten, fragten wir uns, auf welchen Quellen wirtschaftliches Wachstum in Zukunft basiert und wie die Wertschöpfung in der modernen Gesellschaft aussieht. Der Begriff konnte sich in den vergangenen Jahren gegenüber konkurrierenden Bezeichnungen wie dem der postindustriellen Gesellschaft durchsetzen, weil er ungewöhnlich viele interessante Fragen über Zustände und Entwicklungslinien moderner Gesellschaften eröffnet. Man kann den Begriff der Wissensgesellschaft nicht nur auf die Besonderheiten der Gesamtgesellschaft, sondern auch auf die Probleme aller großen modernen gesellschaftlichen Institutionen wie Staat, Wirtschaft, Kirche, Familie und Wissenschaft anwenden. Die Bezeichnung postindustrielle Gesellschaft weist hingegen in eine falsche Richtung. Denn die Industrie, der sogenannte Herstellungssektor, in dem Autos, Kühlschränke, Fernsehapparate und Ähnliches hergestellt werden, verliert nicht an Bedeutung. Nur arbeiten immer weniger Menschen in der Industrie.

Wen betrifft dieser Wandel?

Im Grunde alle Menschen. In der Welt der Arbeit, in der Industrie, in den Dienstleistungen, aber auch in der Landwirtschaft, in allen Sektoren der Ökonomie verändern sich entscheidende Dinge, die alle darauf hindeuten, dass wir zunehmend in einer Wissensgesellschaft leben. Auch der Landwirt muss heute über einen hohen Grad an Bildung und Ausbildung verfügen und mit komplizierten Vorgängen und technischen Geräten umgehen können.

Was treibt diese Entwicklung an?

Neu an der Entwicklung zur Wissensgesellschaft ist nicht das Entstehen von wissensfundierter Arbeit, denn „Experten“ hat es immer schon gegeben. Aber die hohe Zahl solcher Arbeitsplätze, die wissensfundierte Arbeit erfordern, ist neu, ebenso wie ihr relativer Anteil an der Gesamtbeschäftigung und der rapide Rückgang von Arbeitsplätzen, die geringe kognitive Fertigkeiten verlangen beziehungsweise Arbeitnehmer, die damit beschäftigt sind, Dinge zu fertigen oder zu bewegen. Außerdem gehen die Menschen, die jetzt mit erheblich größeren Bildungsqualifikationen als früher in die Arbeitswelt drängen, mit ganz anderen Erwartungen und mit mehr Eigenständigkeit zu Werke. Das wird zu weiteren radikalen Veränderungen in der Welt der Arbeit führen.

Wie bedeutend sind soziale Kompetenzen in der Wissensgesellschaft?

Eine der wichtigsten Qualifikationen in dieser Arbeitswelt sind natürlich nicht nur kognitive Fähigkeiten, sondern auch soziale Kompetenzen wie die Überzeugung, sich anpassen und sich verändern zu können. Kurz gesagt: ein neues Selbstverständnis. Die jungen gut ausgebildeten Menschen werden heute initiativ, sie haben das Gefühl, etwas bewegen zu können.

Welche Auswirkungen haben die Veränderungen in der Arbeitswelt auf die soziale Ordnung?

Die Entwicklung hin zur Wissensgesellschaft ist gleichzeitig die Entwicklung hin zu einer zerbrechlichen Gesellschaft, also einer Gesellschaft, in der die großen Institutionen Staat, Kirche und die Konzerne an Einfluss verlieren. Sie verlieren nichts von der herkömmlichen Macht und Autorität, aber sie verlieren in Relation zum Einzelnen, zu kleinen Gruppen, die zunehmend in der Lage sind, die Macht der großen Institutionen zu unterminieren. Es entstehen neue Beziehungen zwischen Konsumenten und Konzernen, Arbeitern und Managern, Studierenden und der Hochschule. Das ist eine der wichtigsten Veränderungen der Wissensgesellschaft. Das heißt aber wiederum nicht, dass diese Entwicklung gleichzeitig alle Individuen erfasst. Es wird immer Meinungsführer, immer Pioniere für bestimmte Entwicklungen geben, die dann später von vielen geteilt werden. Diejenigen, die sich dafür entscheiden, sich einzumischen, spielen in Zukunft eine sehr wichtige Rolle.

Woher kommen denn die Kreativen?

In der Geschichte Europas und Nordamerikas gibt es keine Entwicklung, die sich mit den Erfahrungen der Menschen in den vergangenen Jahrzehnten, insbesondere der Zeit zwischen 1950 und 2000, vergleichen lässt. Am Ende dieses Zeitabschnitts galt die permanente Bedrohung wirtschaftlicher Unsicherheit, von der vorher fast drei Viertel der Gesamtbevölkerung betroffen waren, allenfalls noch für etwa ein Fünftel der Bevölkerung. Obwohl es selbst in den wohlhabendsten Gesellschaften weiter absolute Armut gibt, verbesserte sich nicht nur der materielle Lebensstandard der meisten Menschen fast ohne Unterbrechung und oft sehr schnell fast 40 Jahre lang, sondern auch ihre Bildungsmöglichkeiten. Es ist vor allem die Tatsache des generell gestiegenen Bildungsstands und des allgemeinen Wohlstands, die die Besonderheit oder Einmaligkeit der Erfahrungen der heutigen Generationen ausmacht. Es sind diese gesamtgesellschaftlichen Veränderungen, die die Grundlage für das Entstehen sowohl eines sehr viel umfassenderen Anspruchs an Kreativität als auch ein historisch einmaliges Anwachsen kreativer Menschen bildet.

Ihr amerikanischer Kollege, Richard Florida, proklamiert gar „The Rise of the Creative Class“, den Aufstieg der kreativen Klasse und bezeichnet sie als entscheidenden Faktor für den Erfolg . . .

In der Tat, in Wissensgesellschaften machen Kreativität, kognitive Faktoren, Wissen und Information in zunehmendem Maße den Großteil des Wohlstands eines Unternehmens aus. Mit anderen Worten, die Produktion wird mit Ausnahme der besonders standardisierten Waren und Dienstleistungen immer weniger durch den Umfang des herkömmlichen Arbeitseinsatzes und des physischen Kapitals bestimmt. Ob und in welchem Umfang existierende Arbeitsplätze und Arbeitskontexte schon in der Lage sind, Arbeitnehmer mit wachsenden kognitiven Fähigkeiten und Anforderungen zu beschäftigen, ist eine zu diesem Zeitpunkt nur sehr schwer zu beurteilende Frage. Allerdings kann man davon ausgehen, dass solche Arbeitsmöglichkeiten zunehmend notwendig und möglich sein werden, und zwar in dem Maß, in dem Unternehmen realisieren, dass Arbeitsplätze mit großer Autonomie, Handlungschancen und Verantwortlichkeiten Bedingung für nachhaltige Unternehmenserfolge werden. Unternehmen werden sich infolgedessen gezwungen sehen, Arbeitsmöglichkeiten dieser Art bereitzustellen und nicht zu unterbinden.

Richard Florida behauptet, die „kreative Klasse“ sei auch entscheidend für den Erfolg von Städten und Regionen, und hat dies an der Entwicklung von amerikanischen Städten und Regionen belegt. Ließen sich nach diesem Muster auch „kreative Orte“ in Deutschland identifizieren?

Ein wichtiges Gesetz der gesellschaftlichen Entwicklung gilt auch weiter in der Wissensgesellschaft. Und zwar ist dies die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit. Die Gesetzmäßigkeit von einem zeitlichen und räumlichen Nebeneinander von gesellschaftlichen Entwicklungen – auch in der Wissensgesellschaft gibt es noch industrielle Produktionsformen oder Glaubensvorstellungen, die eigentlich aus traditionellen Gesellschaften stammen – stellt sicher, dass verschiedene Städte oder Regionen dieser Welt auf ganz unterschiedliche Weise von der Entwicklung zur Wissensgesellschaft beeinflusst sind.

Und das heißt am Beispiel einer Region?

Nehmen wir das nächstliegende Beispiel, nämlich Friedrichshafen. Die Stadt liegt zwar am südlichen Rand Deutschlands, hat aber alles, was eine kreative Stadt ausmacht. Zum einen eine gewachsene Industrie, die Schiffsmotoren, Autoteile und Satelliten herstellt und hochqualifizierte Arbeitnehmer beschäftigt. Zum anderen ein attraktives Umfeld mit vielen Freizeitmöglichkeiten am Bodensee. Und nun eine Universität, die sich eines hohen Zuspruchs erfreut. Die Arbeitslosenquote gehört zu den niedrigsten in Deutschland, und der Zuzug von Akademikern und jungen Menschen ist sehr viel größer als anderswo. Die Menschen sind kreativ und fühlen sich wohl.

03.12.2008
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