Japan und Deutschland feiern das Jubiläum ihrer 150-jährigen Freundschaft, doch die Erinnerung an Einzelheiten dieser außergewöhnlichen Beziehung ist weit verstreut. Viele Geschichten, die die beiden Länder verbinden, schlummern in Bibliotheken, Universitäten, Privat- und Firmenarchiven oder gar nur im Gedächtnis der Menschen. Jetzt aber wächst eine Initiative heran, die all die Fundstücke sammeln und ans Licht der Öffentlichkeit bringen könnte. Um das Vorhaben zu besprechen, trafen sich Anfang Dezember 2011 Vertreter von Behörden, Vereinen und Institutionen sowie Privatleute im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin (JDZB). Ergebnis: Das JDZB wird eine Arbeitsgruppe „Das deutsch-japanische digitale Gedächtnis“ koordinieren; bis Mitte 2012 soll die Entscheidung fallen, ob ein tragfähiges Projekt entstehen kann – und es wird nach japanischen Mitwirkenden gesucht.
Die Initiative kann auf ein Vorbild zurückgreifen, das zwei Mitwirkende entwickelt haben. Auf dem Internetportal www.das-japanische-gedaechtnis.de hat das Berliner Ehepaar Haruko und Alexander Bürkner zahlreiche Texte sowie Ton- und Bilddokumente von deutsch-japanischen Lebensläufen zusammengestellt. Der Antrieb für das Paar, das Internetportal aufzubauen, kommt aus der eigenen Biografie: Die in Deutschland und Japan geborenen Ehepartner lernten sich während des Japanologie-Studiums in Bonn kennen und lebten anschließend mit Unterbrechungen mehr als 30 Jahre in Tokio. Dort wuchsen auch ihre drei Töchter auf. Nachdem Herr Bürkner, der bei verschiedenen Banken gearbeitet hatte, 2003 pensioniert wurde, zog das Paar nach Berlin und entwickelte dort bald die Idee des Internetarchivs. Inzwischen widmen sich die Bürkners seinem Aufbau täglich bis zu sieben Stunden – im Wesentlichen unterstützt durch einen gleichgesinnten Freundeskreis.
Mit vielen Menschen, deren Biografie sie wiedergeben, haben sie sich persönlich getroffen. „Wir fanden Spiegelbilder unserer eigenen Existenz“, erzählt Herr Bürkner. Viele Menschen seien wie sie selbst zwischen den beiden Ländern hin- und hergependelt. Ihre Lebenswege dokumentieren eine große Vielfalt des interkulturellen Austauschs. Im Gespräch nennt Bürkner historische und aktuelle Beispiele: Das des Unternehmers Wasaku Natori, der mit Siemens eine Vorläuferfirma der Fuji Denki Group gründete, das des Malers und Bildhauers Tatsuhiko Yokoo, der seit bald 20 Jahren in einem abgelegenen deutschen Dorf nahe der Grenze zu Polen lebt und in seiner Kunst beide Kulturen verbindet und das der japanischen Medizinerinnen Tada Urata und Mizuko Takahashi, die um 1900 herum in Deutschland studierten, als dies Frauen eigentlich noch gar nicht erlaubt war. Im Internetarchiv der Bürkners lassen sich bereits 104 „Lebensbilder“ nachlesen.
Das „digitale Gedächtnis“, das nun von der Arbeitsgruppe am JDZB entwickelt wird, soll einmal einen viel größeren Umfang bekommen als das Bürknersche Internetarchiv. Dabei wird es nicht nur um Lebenswege gehen, sondern auch um Firmenkooperationen und andere Formen der institutionellen Zusammenarbeit. Einer der entscheidenden Initiatoren ist Reinhard Zöllner, Professor für Japanologie an der Universität Bonn. Er schlägt vor, sich am „American Memory“ in den USA zu orientieren, einem Geschichtsarchiv, das von der Library of Congress verwaltet wird. In vielen Archiven in Deutschland, so Zöllner, lagerten noch ungesichtete Materialien zu den deutsch-japanischen Beziehungen.///














