Schwarz ist es, so groß wie eine Männerhand und prall gefüllt mit Namen, Adressen, Terminen, Telefonnummern. Kaum hat sich Marina Borisowa an den runden Tisch im Bistro der Deutschen Welle gesetzt, liegt ihr Notizbuch auch schon neben der Kaffeetasse. Ohne ihre Kladde würde die junge Moskauerin wohl schnell den Überblick verlieren über ihr turbulentes Leben. Sie ist erst 25 Jahre alt, hat aber eine Menge zu erzählen. Über ihren steten Wechsel zwischen Deutschland und Russland, zwischen Familie, Freunden, dem Beruf als Journalistin in der Russischen Redaktion der Deutschen Welle und der Hochschule in Moskau. Ein Leben, wie sie es sich immer gewünscht hat. „Mir war immer klar, dass ich beides will – Deutschland und Russland“, sagt sie mit ihrer ruhigen warmen Stimme, die so gar nichts über den turbulenten Alltag der jungen Frau verrät. Im Gespräch ist Borisowa eher zurückhaltend. Nimmt sich Zeit für ihre Antworten. Eine Zuhörerin. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für eine Journalistin.
„Diesen Beruf wollte ich immer ausüben“, sagt sie. Aber warum in einer Fremdsprache? „Warum nicht in einer Fremdsprache?“ fragt Borisowa zurück und erzählt, dass sie sich schon in ihrer Moskauer Schule für die zweite Fremdsprache Deutsch entschieden hat. Die Sprache gefiel ihr und tut es immer noch. In der russischen Hauptstadt studierte sie an der Lomonossow-Universität Publizistik, an der Plehanow-Wirtschaftsakademie Internationale Wirtschaftsbeziehungen. Das Fach Wirtschaftsingenieurwesen an der Universität Karlsruhe machte das akademische Trio komplett. Zurzeit promoviert die Redakteurin neben ihrer Arbeit an der Plehanow-Wirtschaftsakademie. Selbstverständlich mit einem deutschen Thema: „Die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands auf dem internatonalen IT-Markt“.
Marina Borisowa – eine typische Streberin? Nein, sagt sie. Was sie antreibe sei Neugier. „Das Leben ist Neuland“, immer. Davon ist Borisowa überzeugt. Vor allem in Deutschland. Das Land und seine mediale Vielfalt faszinieren sie: „Der Zugang für Journalisten zu Ministerien und Ämtern ist sehr offen. Keiner muss sich lange vorher anmelden“. Und auch die deutschen Universitäten hätten für ausländische Studierende eine Menge zu bieten. „Campus und Karriere“ heißt auch die Redaktion, in der Borisowa bei der Deutschen Welle arbeitet. Multimedial, aber immer mit einem klaren Ziel vor Augen: „Wir wollen das Interesse junger Russen an Deutschland wecken“. Nicht nur in seiner Rolle als große Wirtschaftsmacht sei das Land sehr interessant. Man müsse die Menschen in beiden Ländern zusammenbringen, erklärt die junge Journalistin. Die deutsch-russischen Beziehungen „bestehen aus mehr als nur aus Öl und Gas“. Kluge Köpfe auf beiden Seiten könnten eine Menge bewegen.
Wofür die engagierte Russin ein perfektes Beispiel ist. Während des Petersburger Dialogs 2009 in München wurde Borisowa für eine multimediale Beitragsreihe zum Thema Arbeitslosigkeit mit dem renommierten Peter-Boenisch-Gedächtnispreis ausgezeichnet. Die Ehrung wird alljährlich im Rahmen des deutsch-russischen Treffens an junge Journalisten aus Deutschland und Russland verliehen. „Die Beiträge von Marina Borisowa überzeugen durch hohe sprachliche und journalistische Qualität. Mit aufmerksamem Blick verfolgt und beschreibt sie Probleme, die sowohl in Russland wie auch in Deutschland aktuell sind“, heißt es in der Begründung der Jury. Von dem Preis erzählt sie nur auf Nachfrage, ebenso wie von dem kurzen Treffen mit Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Medwedew. Da ist er wieder, der zurückhaltende, manchmal fast scheue Charakter. Aber dann kommt Borisowa doch ins Erzählen von jenem Tag in München und die Begeisterung macht sich Luft. Von der Atmosphäre des bilateralen Treffens und den Chancen, die darin liegen. „Wir müssen das Interesse aneinander pflegen, die Beziehungen. Sonst ist alles umsonst.“
Was ist mit ihr? Bleibt sie in Deutschland, wenn ihr Vertrag bei der Deutschen Welle 2010 endet? Sie wisse es noch nicht, sagt Borisowa. Momentan spiele sie mit dem Gedanken, in die Wirtschaft zu gehen – „Journalismus kratzt oft nur an der Oberfläche, ich möchte aber auch in die Tiefe gehen“. Jetzt aber stehe erst mal ein Urlaub mit ihrer Mutter an, die aus Russland anreise. Gemeinsam wollen sie nach Italien fahren. Nach Venedig und Verona. Dort war Marina Borisowa noch nicht. Das Leben ist Neuland.














