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Serie: Israelis in Berlin

Das Berlin-Experiment der Shirat Isaak

Die israelische Sängerin Shirat Isaak möchte den europäischen Musikmarkt erobern – von der deutschen Hauptstadt Berlin aus.

Von Kathrin Schrader

Shirat Isaak läuft den Kurfürstendamm hinauf. Sie ist auf dem Weg nach Hause. Ihr Gang wirkt trotz des sperrigen Gitarrenkoffers leicht. Der kühle Wind bläst das Haar aus ihrem Gesicht, so dass es noch schmaler wirkt. Es ist ein Gesicht, das die Blicke auf sich zieht. Dabei ist die junge Israelin eine zurückhaltende Erscheinung, ungeschminkt und so einfach wie die Musik, die sie schreibt: eingängige Songs zwischen Folk und Rock. Aber ihre unbedingte Natürlichkeit fällt auf, weil sie so verletzlich scheint.

Vor vier Monaten ist sie von Tel Aviv nach Berlin gezogen. Sie hatte gehört, dass Berlin die europäische Stadt ist, die jungen Künstlern auf dem Sprung in eine internationale Karriere die besten Bedingungen bietet: noch offene Strukturen, bezahlbare Lebens – und Arbeitsräume und die Präsenz großer und kleiner Musikunternehmen, die sich in den letzten zehn Jahren in der Stadt an der Spree ansiedelten. Nach einer Testphase von zwei Monaten steht für die Künstlerin fest, dass sie bleiben wird. „Ich habe in dieser kurzen Zeit viel mehr Leute getroffen, die sich für das, was ich mache, interessieren, als in Israel in mehreren Jahren.“ Ihre Auftritte im Café Bialik in Tel Aviv waren beliebt, aber sie genügten ihr nicht mehr. Die abgestoßenen Ecken des schwarzen Gitarrenkoffers erzählen von Auftritten an wechselnden Orten, von engen Clubs mit rauen Fußböden, voll gepackten Kofferräumen, vom Hin und Her des Künstlerlebens, von lange geprobten und spontanen Konzerten.

Das Mädchen aus der kleinen Siedlung Karnei Shomron im Westjordanland, Tochter orthodoxer Juden, brachte sich das Gitarrespielen selbst bei, brach ihr Architekturstudium mit 22 Jahren ab und finanzierte ihr Leben als Musikerin fortan mit Jobs in Musikgeschäften und Verlagen, Agenturen und Radiostationen. Sie traf dabei auf erfahrene Kollegen, die ihr rieten, nicht aufzugeben. Der Umzug nach Berlin ist der vorläufige Höhepunkt dieses Weges.

Ein Freund hat Shirat die kleine Neubauwohnung am oberen Ende des Kurfürstendamms für den Beginn des Berlin-Experiments zur Verfügung gestellt. Der Raum ist wie ein Hotelzimmer mit dem Nötigsten ausgestattet. Die Gitarre bekommt einen Platz neben dem Bett. Shirat Isaak klappt den Laptop auf. In Berlin ist sie zunächst eine von vielen jungen Künstlern, die auffallen möchten. Sie hat ein ganzes Debütalbum im Gepäck, das sie endlich produzieren will. Sie schaut sich nach neuen Musikern um, mit denen sie in Zukunft zusammenarbeiten kann. In Tel Aviv hatte sie eine sechsköpfige Band. „In Israel ist der Markt sehr klein. Du musst schon ein Star sein, bevor sich ein Label überhaupt für dich interessiert. Du musst ein großer Schauspieler sein, eine große Sängerin und ein Model obendrein. Aber ich will mich auf meine Musik konzentrieren.“ Ihre musikalischen Vorbilder sind John Frusciante, Bernard Butler und Amy McDonald.

Den Eindruck von Introvertiertheit bestätigt das Video zu dem Song „Crazy“, das auf Youtube zu sehen ist. Er stammt aus der Feder von David Swirsky. Das Lied scheint wie für sie gemacht. Begleitet von einem satten Gitarrensound singt Shirat Isaak mit warmer, voller Stimme von Trennung und der „Verrücktheit“, aus dem gewohnten Leben auszubrechen und einen neuen Weg zu finden. „Everything looks different from the other side“, heißt es darin. Wie hat der Sprung nach Berlin ihren Blick verändert? Sie sei mit der europäischen Kultur durch ihr Elternhaus sehr verbunden, sagt Shirat Isaak. Als Kind habe sie sogar einige Jahre in Schweden gelebt. Ihr Vater hatte eine Zeitlang dort gearbeitet. Er vermittelt Gastspiele israelischer Künstler in jüdische Gemeinden in Europa und bringt europäische Künstler nach Israel. Shirat Isaak war zehn Jahre alt, als die Familie nach Skandinavien ging, zugleich die Heimat ihres Vaters. Er wurde Anfang der Fünfzigerjahre in Dänemark geboren, wohin seine Eltern vor den Nazis in Deutschland geflüchtet waren.

„In Israel haben mich viele gefragt: ‚Wie kannst du nach Deutschland gehen? Hast du vergessen, was geschehen ist?’ Auch meine Eltern. Ich habe die Geschichte nicht vergessen, aber ich weiß, dass Deutschland sich verändert hat. Es gibt andere Dinge, die mich interessieren, zum Beispiel, dass Berlin eine wichtige Stadt für Musiker aus aller Welt geworden ist.“ Nach der zweimonatigen „Probezeit“ in Berlin reiste sie noch einmal nach Israel. Sie kam als Gast, als jemand, der seine Heimat bereits von der anderen Seite aus betrachtet. „Es hat mir sogar Spaß gemacht, über das Wetter zu reden. Ich sagte: Bei uns in Berlin ist es viel angenehmer als hier, nicht so heiß.“

Ihr Debütalbum hat Shirat Isaak verschiedenen Labels vorgestellt. Einige signalisierten schon Interesse. Die kurze Zeit in Berlin wirke sich spürbar auf ihre Arbeit aus, sagt sie: Sie hat neue Songs geschrieben und an ihrem Stil gearbeitet. „Ich möchte das Folk-Element stärker betonen und insgesamt nachdenklicher und zurückhaltender im Ausdruck werden.“ Klingt, als hätte sie ein Stück mehr zu sich selbst gefunden“////

21.06.2011
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