Auffällig leger geht es hier zu. In einem olympischen Dorf könnte man sich wähnen oder bei einem anderen großen Sportevent. Überall nur Trainingsjacken, junge Leute mit locker über die Schulter geworfenen Handtüchern. Links geht’s zum Leichtathletikstadion, rechts zum Schwimmzentrum, die Tennisplätze sind auch nicht weit. Alle sind gut drauf, sehen unverschämt gut aus und sind durchtrainiert; für Bewegungsmuffel, das merkt man schnell, ist auf diesem Campus kein Platz. Die Mensa liegt bedeutungsträchtig am Olympiaweg, im Schaufenster der Buchhandlung stapeln sich dekorativ die Bestseller des Metiers „Marathon – das Erfolgsprogramm“ und „Richtig Mountainbiken“.
Die Deutsche Sporthochschule Köln ist die etwas andere Universität. Der studentische Tagesablauf auf dem Campus gleicht einem Dauer-Fitness-Programm mit anspruchsvollstem Mental-Jogging. Morgens schwimmen, danach auf der Tartanbahn Runden drehen, duschen, umziehen. Dann eine Vorlesung über Sportmedizin, gefolgt vom Seminar zum Thema Sportökonomie – und zum Ausklang ein Trainingskurs in Sachen Fußball, Tennis oder Basketball. Beliebt ist auch ein Abstecher an die „Playa in Cologne“, wie hier das Beachvolleyballfeld heißt.
Die Deutsche Sporthochschule in Köln ist die einzige deutsche Sportuniversität. Keine Juristen, keine Philosophen, keine Betriebswirte – nur Sportwissenschaftler sind hier immatrikuliert. Die „SpoHo“, wie die Studierenden die Uni nennen, ist für viele von ihnen mehr als nur eine Ausbildungsstätte. „Die SpoHo ist keine Universität, sondern eine Lebenseinstellung“, beschreibt Student Jakob Ulrich das besondere Flair der Sporthochschule. Wer diesen Sportsgeist sucht, findet im Kölner Westen ideale Bedingungen. Der Campus der größten Sportuniversität der Welt liegt idyllisch mitten im Grüngürtel der Stadt. Zudem genießt die „SpoHo“ internationales Ansehen für ihr breites Studienangebot und ihre vielfältigen Forschungsansätze – und glänzt zudem mit Weltmeistern und erfolgreichen Olympioniken, die hier studiert haben. Auch unter den derzeit rund 5600 Studentinnen und Studenten sind Großtalente: Benjamin Kleibrink, 2007 Vize-Europameister im Florettfechten, oder der Sprinter und Weitspringer Wojtek Czyz, dreifacher deutscher Goldmedaillen-Gewinner der Paralympics 2004.
Auch Jakob Ulrich und Vincent Rödel hat der gute Ruf der Hochschule nach Köln gelockt. Doch vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt – in Gestalt der Sport-Aufnahmeprüfung, die hier alle absolvieren müssen. 100 Meter in weniger als 13,4 Sekunden sprinten, in maximal 1:50 Minuten 100 Meter im Brustschwimmen zurücklegen oder am Boden mit Rolle, Handstand und Rad turnen. 19 von 20 Disziplinen müssen SpoHo-Bewerber erfolgreich ablegen. „Da muss man sportlicher Allrounder sein, um das zu schaffen“, weiß Jakob Ulrich. Doch an der SpoHo geht es nicht nur um Leistung, sondern auch um eine optimale Ausbildung fürs Berufsleben. Bachelor-Student Jakob Ulrich will später im Sportmarketing arbeiten und studiert „Sportmanagement und Sportkommunikation“. Weitere Bachelor- und künftig geplante Masterstudiengänge setzen Schwerpunkte wie Gesundheit und Prävention, Sporttourismus oder Sporttechnologie.
Eben noch trug Vincent Rödel ein weißes Trikot mit der Nummer 27, dazu einen schwarzen Helm und spielte American Football: Jetzt kommt er nach dem Kurs frisch geduscht in die Mensa, stellt seine Sporttasche ab, setzt sich und schwärmt gleich los: „Hier herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre, es gibt unzählige Sportangebote, man kann auch Bahnradfahren, Tauchen oder Windsurfen lernen“, sagt der 25 Jahre alte Berliner, der Sportwissenschaften auf Diplom studiert und sich im Sommer aufmachen will in Richtung „down under“ – für ein Auslandsstudium an die University of the Sunshine Coast in Australien.
Sport verbindet – dieser Gedanke gilt in Köln auch grenzüberschreitend. Die Deutsche Sporthochschule unterhält zu 53 internationalen Hochschulen Partnerschaften, Studierende aus mehr als 50 Nationen tummeln sich auf dem Campus, 8,3 Prozent der Studierenden kommen aus dem Ausland. Einer von ihnen ist Dany Vega Arguedas. Im Oktober 2006 kam der 25 Jahre alte Costa Ricaner als Austauschstudent der Universidad Nacional für zwei Semester nach Köln. Jetzt zählt er zur ersten Studenten-Generation des neuen Masterstudiengangs „Bewegung und Sport im Alter“ und macht sich fit für einen Arbeitsmarkt mit guten Berufschancen in Costa Rica.
Das exzellente Sport-Studium, das Studierende nach Köln zieht, ist aber nur eine Stärke der Deutschen Sporthochschule. Die andere ist die Forschung. „Wir sind die einzige sportwissenschaftliche Institution, die die gesamte Breite der Forschung abdeckt“, sagt Rektor Professor Dr. Walter Tokarski. 19 Institute beschäftigen sich auf dem Campus mit wissenschaftlichen Fragen des Sports – von erziehungs-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Aspekten bis hin zu medizinisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen. Vorreiter ist die SpoHo auch bei der Dopingforschung: Das Dopinglabor des Instituts für Biochemie, eine der größten Einrichtungen in Europa, unterstützt in Zusammenarbeit mit der Welt-Anti-Doping-Agentur den internationalen Kampf gegen die unerlaubte Steigerung der sportlichen Leistung.
Zu sportwissenschaftlichen Höhenflügen setzten Experimente des Instituts für Physiologie und Anatomie an: Sie reisten an Bord der russischen Raumstation MIR und der Raumfähre Columbia ins Weltall. Bundesweit einzigartig ist auch das 2006 gegründete Deutsche Forschungszentrum für Leistungssport, eines von neun interdisziplinären Zentren. Hier arbeiten fünf Institute der Hochschule eng zusammen, kooperieren mit Olympiastützpunkten, Sportlern, Trainern und Ärzten.
Neben der Grundlagenforschung, Fort- und Weiterbildungen für Trainer setzt das Zentrum auf eine intensive Betreuung und Beratung von Topathletinnen und -athleten. Ein umfangreicher sportmedizinischer Basischeck vermittelt ihnen ein komplettes Bild ihres Gesundheits- und Leistungsstands – und liefert Informationen und Vorhersagewerte zur Optimierung des Trainings. Blutwerte, Herzfrequenz, Körpertemperatur: „Wir erheben zirka 3000 Parameter, werten diese aus, fassen sie zusammen und speichern sie in seiner persönlichen Athletenakte“, sagt Eva Engelmeyer, Geschäftsführerin des Forschungszentrums.
Wie der Basischeck abläuft, lässt sich im Biomechanik-Labor des Leichtathletik-Zentrums beobachten. Bei der Sprungdiagnostik ist Hightech unverzichtbar: 14 Infrarot-Hochgeschwindigkeitskameras erfassen die Sprünge eines jungen Kanusportlers und übermitteln die Aufnahmen an einen Computer, der die Belastung in Knien und Sprunggelenken analysiert. In einem anderen Labor bereitet sich gerade ein Rudertalent auf den Ausdauertest vor: Atemmaske und Pulsgurt sind schon angelegt. Die 24 Jahre alte Sportlerin ist sich sicher, dass ihr die Untersuchungen hier etwas bringen: „Ich will genauer wissen, wo meine Defizite liegen. Ein so umfassender Leistungscheck ist einmalig.“
Gleich gegenüber dem Forschungszentrum wohnt Giorgi Elizbarashvili im Studentenwohnheim – ein Hochhaus, dessen Sportsbar den Namen „Doping“ trägt. Ganz oben, in der 25. Etage, hat der 27-Jährige aus Georgien sein Zimmer mit Aussicht: Er blickt auf das 50000 Zuschauer fassende Stadion des 1. FC Köln, das direkt neben dem Hochschulcampus liegt. Mit dem Fußball-Club und der Sporthochschule, die bei der Fußballtrainer-Ausbildung eng mit der Hennes-Weisweiler-Akademie des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) zusammenarbeitet, verbindet ihn manches: „Im Studium habe ich sehr gute Dozenten und Trainingsbedingungen erlebt und beim 1. FC Köln habe ich als Jugendtrainer gearbeitet.“ In wenigen Monaten will der SpoHo-Student, der sich auch schon als Assistenztrainer von Jugendnationalmannschaften des georgischen Fußballverbandes bewährte, seinen Abschluss machen. Und dann? „Ich möchte gern als Fußballtrainer arbeiten.“ Seine Ausbildung in Köln und seine Fußball-Erfahrung sind eine gute Referenz. Es wäre nicht überraschend, wenn Giorgi Elizbarashvili eine erfolgreiche Trainerlaufbahn einschlägt. Die Chancen stehen gut.














