Ein Kulturbotschafter darf ruhig auch einmal tollpatschig sein. Erst recht, wenn er damit Kinderaugen zum Leuchten bringt. So geschehen Anfang März, als der derbe Karagöz das Ruhrgebiet besuchte. Im Wettstreit mit dem vornehmen Hacivat sorgte er für fröhliche Stimmung bei der Kasperiade in Bottrop.
Die Veranstaltungsreihe war der lustigen Figur in verschiedenen europäischen Kulturen gewidmet – und eines der ersten Partnerprojekte der Kulturhauptstädte Istanbul und Ruhr 2010 in diesem Jahr. Zahlreiche Vertreter beider Kulturhauptstädte sind als Botschafter zwischen Istanbul und dem Ruhrgebiet aktiv. Zur Kasperiade war aus Istanbul Cengiz Özek, prominenter Puppenspieler und Organisator des dortigen Internationalen Puppenfestivals, mit Karagöz in die Ruhrstadt Bottrop gekommen. „Wir wollen ganz gezielt über Menschen Kontakte zwischen beiden Kulturhauptstädten knüpfen,“ sagt Asli Sevindim, deutsch-türkische Journalistin und eine von vier Künstlerischen Direktoren der Ruhr 2010. So brillierte auch der in Istanbul wohnende türkische Komponist Fazil Say im März im Ruhrgebiet. Zum Abschluss seiner vierjährigen Zeit als „Artist in Residence“ am Konzerthaus Dortmund präsentierte er dort eine Aufführungsreihe. Ein Höhepunkt: Die Welturaufführung seiner „Istanbul-Sinfonie“. Im Herbst wird Say die Konzertreihe in Istanbul aufführen.
Bei allem künstlerischen Anspruch sagt Asli Sevindim jedoch auch: „Wir sind eine Kulturhauptstadt, keine Kunsthauptstadt.“ So stehen die Istanbuler Gäste der Ruhr 2010 auch für einen vielfältigen Kulturbegriff. Etwa der Spitzenkoch des Marriott Hotels Istanbul Eyüp Kemal Sevinc, der das interkulturelle Festival Melez Kulinarik im Oktober bereichern soll. Ebenfalls im Oktober wird Melez Mode die Arbeiten türkischer Designer vorstellen. Und zum Kongress der Europäischen Märchengesellschaft vom 29. September bis zum 3. Oktober 2010 schickt Istanbul den Literaturwissenschaftler Professor Dr. Selahattin Dilidüzgün, der einen Vortrag über die türkische Kinderliteratur und türkische Märchen halten wird.
Die Reise nach Istanbul wird wiederum eine Theatergruppe der Universität Bochum antreten. Auf dem Internationalen Universitäten-Theaterfestival in Istanbul zeigt sie Anfang Mai „Blaubart – Hoffnung der Frauen“ von Dea Loher; der Theater-Gegenbesuch aus Istanbul soll im November erfolgen.
Einen großen theatralen Bogen zwischen Ruhr und Istanbul, ja sogar zwischen verschiedenen Epochen will indes das Projekt Promethiade spannen. Im Zentrum des Aufführungs-Triptychons steht vom 25. Mai bis zum 7. August der griechische Mythos des Prometheus, der für die Menschen das Feuer von den Göttern stahl und der als Stifter einer gemeinsamen europäischen Kultur interpretiert wird. An drei Aufführungsorten wird die Sage anlässlich des Kulturhauptstadtjahrs von verschiedenen Künstlern thematisiert. Zunächst von den Griechen Theodoros Terzopoulos und Jannis Kounellis. Der Regisseur und der Bildhauer interpretieren in Istanbuls Hagia Irene Aischylos‘ „Gefesselten Prometheus“ neu. Während das deutsch-schweizerische Theaterkollektiv Rimini Protokoll den Mythos für eine Inszenierung im antiken Theater von Epidauros bearbeitet, will die türkischen Kompanie Studio Oyunculari dies mithilfe von Textfragementen Yasar Kemals tun – und zwar auf dem Gelände der Essener Zeche Zollverein. Antike, Mittelalter und Moderne werden somit vereint.
Auf die Zukunft gerichtet ist das Projekt „Temporäre Stadt“, für das sich Studenten aus Deutschland, der Türkei und Ungarn Gedanken über die Städteplanung von morgen machten. Nach vorausgegangenen Wettbewerben in den Kulturhauptstädten Ruhr und Pécs kürte eine Experten-Jury Anfang März 2010 auch den Sieger-Entwurf für Istanbul. Jeweils zwei Studenten von der Istanbul Bilgi University und der Yildiz Technical University gewannen mit „Floating Services“ den ersten Preis. Zentral für den Entwurf ist ein multifunktionales Floß, das im Juni im Goldenen Horn treiben wird. Das Floß wird einerseits als Bühne für verschiedene Veranstaltungen dienen. Zugleich lässt sich von ihm aus das Gelände der Halic-Werft, eine der zentralern Veranstaltungsflächen der Kulturhauptstadt Istanbul betrachten. Das Gelände der bereits teilweise stillgelegten Werft soll sich in den kommenden Jahren mehr und mehr zu einem kulturellen Mittelpunkt Istanbuls wandeln. Und damit das Kulturhauptstadtjahr überdauern. So kann in Istanbul das erreicht werden, was sich Asli Sevindim auch für das Ruhrgebiet wünscht: „Wir wollen einen Mehrwert für die Zukunft gewinnen.“














