Im Atelier von Abraham Cruzvillegas in Berlin-Schöneberg herrscht ein aufgeräumtes Durcheinander. Während die leeren Bierflaschen ordentlich sortiert in der Ecke des hohen Raumes verschwinden, befinden sich neben dem Eingang verschiedene Gegenstände: Ein leerer Obstkarton steht dort neben einem halbfertigen Pressspancontainer, ein rauer Holzstab balanciert senkrecht auf einem Skateboard, ein Plastikkorb wartet auf seine Bestimmung. Das Sammelsurium ist das Inventar, das Cruzvillegas für seine Arbeit braucht: Immer wieder hat der mexikanische Künstler Dinge des Alltags recycelt, um daraus neue Skulpturen und Installationen zu entwerfen. Autoconstrucción nennt Cruzvillegas diesen Prozess. Eine Methode, die der Künstler aus seiner Heimat Ajusco mitgebracht hat. Dort, auf den kargen Felsen eines Vulkans im Süden der mexikanischen Hauptstadt, hat Cruzvillegas’ Familie gemeinsam mit zahllosen anderen Zugezogenen in den 1960er-Jahren ein Stück Land besetzt und in Gemeinschaftsarbeit eine eigene Siedlung gebaut, die keinem Plan gehorchte, sondern nur den Dingen und Fundstücken, die die Bewohner zur Hand hatten.
Deshalb sind der leere Obstkarton und all die anderen Dinge, die sich neben dem Eingang des Berliner Ateliers ausbreiten, wohl auch so etwas wie eine Erinnerung an Cruzvillegas’ Elternhaus. Seit Juni 2010 lebt und arbeitet der mexikanische Künstler in Berlin – als Stipendiat im Berliner Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). So wie jährlich rund 20 internationale Künstler aus den Sparten Film, Literatur, Musik und Bildende Kunst bekommt Cruzvillegas für die Dauer von 12 Monaten nicht nur ein Stipendium, sondern auch eine Wohnung zur Verfügung gestellt, außerdem – als Bildender Künstler – ein Atelier für seine Arbeit. „Es ist ein fantastisches Programm, weil ich ein Jahr lang keine Verpflichtungen habe und nichts von mir verlangt wird“, freut sich Cruzvillegas. Wer wie er Stipendiat in der Sparte Bildende Kunst ist, ist von einer Jury vorgeschlagen worden. Selbst bewerben können sich Künstler dagegen in den anderen Bereichen des Programms.
Die Wohnungen und Ateliers, die die Künstler während ihres Stipendiatenaufenthaltes beziehen, liegen in verschiedenen Bezirken der Hauptstadt – im Osten der Stadt ist allerdings keiner der Künstler untergebracht: Ein Umstand, der auch auf die Entstehungsgeschichte des Künstlerprogramms verweist. 1963 von der amerikanischen Ford-Stiftung für einen Aufenthalt im Westteil Berlins gegründet, wird das Programm schon ein Jahr später vom DAAD übernommen und bis heute aus Mitteln des Auswärtigen Amtes sowie des Berliner Senats finanziert. Seitdem wurden rund 1000 Künstlerinnen und Künstler gefördert, unter ihnen weltbekannte Autoren wie Ingeborg Bachmann, Susan Sontag oder der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. „Im Ausland bewundert man Deutschland für die Weitsicht, ein solches Programm zu unterstützen“, sagt Kasha Bittner, die im Berliner Künstlerprogramm für die Sparte „Bildende Kunst“ zuständig ist. „Schließlich sind solche Programme ein ganz entscheidender Teil der Auswärtigen Kulturpolitik.“
Ein Austausch, der oft eine kulturelle Bereicherung für beide Seiten bedeutet. „Viele unserer Stipendiaten verlieben sich in die Stadt, manche bleiben deshalb auch länger hier“, erzählt Bittner. Andere lassen sich von der Stadt inspirieren oder machen Berlin und Deutschland zum Thema ihrer Arbeit – so wie die amerikanische Künstlerin Susan Hiller, die im Jahr 2002 die deutsch-jüdische Vergangenheit mit dem „J. Street Project“ fotografisch erforschte.
Abraham Cruzvillegas hat die Freiheiten des Programms genutzt, um sich erst einmal mit der Stadt vertraut zu machen. „Ich bin ohne einen festen Plan nach Berlin gekommen“, sagt der Künstler. „Die Stadt ist voller Geschichte, und die will ich kennen lernen.“ Auch nach einem halben Jahr ist Cruzvillegas noch Flaneur und Sammler, der neue Ideen anhäuft. Vielleicht wird aus den Ideen ein neues Buch entstehen, vielleicht entwickelt er auch noch ein Kunstprojekt für die „spaces in between“, die Zwischenräume und Leerstellen in der Stadt, die ihn interessieren. Cruzvillegas zuckt mit den Schultern: Noch sei es zu früh, um eine Entscheidung zu treffen. Dann erzählt der Künstler von einer Reise nach San Francisco, die er vor kurzem gemacht hat. Bei der Einreise fragte ihn der Beamte nach seinem Zuhause. „Ich habe ‚Berlin’ gesagt, aber das hat er nicht verstanden“, erinnert sich Cruzvillegas. Die Organisatoren des Berliner Künstlerprogramms würden sich über so eine Aussage vermutlich mehr freuen als der amerikanische Grenzbeamte.
Mit der Frage nach ihrer Heimat kann Mariana Castillo Deball wenig anfangen. Die 35-jährige Mexikanerin lebt schon seit zehn Jahren vorwiegend in Europa, sie hat in Paris und Maastricht, Amsterdam und Berlin gearbeitet, zuletzt war sie in São Paulo. „Ich bin an vielen Orten zu Hause“, sagt Castillo Deball. Nun ist sie als eine der ersten Stipendiaten des neuen Jahrgangs 2011 seit einigen Wochen in Berlin. Die Mexikanerin, die über die Philosophie zur Bildenden Kunst gekommen ist, arbeitet an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst. „Mich interessiert, wie Systeme funktionieren und wie Wirklichkeit konstruiert wird.“ Mit kleinen Interventionen will die Mexikanerin Irritationen hervorrufen. Dafür ließ sie zum Beispiel eine fiktive Kunstfigur im Namen des so genannten Zufalls-Instituts Briefe und Fotos an zufällig ausgewählte niederländische Haushalte schicken – und wartete auf Reaktionen.
„Meine Arbeit ist nicht ergebnisorientiert“, sagt Castillo Deball. „Wir glauben, dass alles ein Ergebnis haben muss. Aber nur wenn wir keine Erwartungen haben, können wir uns selbst überraschen.“ In ihrem Jahr in Berlin kann sie genau das wieder versuchen.////














