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„Berlin ist wieder eine Stadt geworden“

Deutschland wächst wieder zusammen, sagt Frederick Taylor. Erst vor kurzem hat der britische Deutschland-Kenner sein neuestes Buch präsentiert: „Die Mauer“

Herr Taylor, nach einem Buch über den Bombenangriff auf Dresden widmen Sie sich in Ihrem neuesten Werk der Berliner Mauer. Was reizt Sie so an deutscher Geschichte?

Das hat zum einen mit meiner Faszination für die deutsche Sprache zu tun. In der Schule haben wir unter anderem Goethe, Schiller, Mann und Kafka gelesen. Zum anderen begeistere ich mich für die Kontraste in der deutschen Geschichte. Über Jahrhunderte hinweg war die deutsche Gesellschaft außerordentlich kultiviert, ein Leuchtfeuer für den europäischen Humanismus. Dann, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zeigte sie eine erschreckende Brutalität. Wie konnte das passieren? An der Antwort auf diese Frage forsche ich immer noch.

Wann und wie haben Sie zum ersten Mal von der Berliner Mauer erfahren?

Das war als 13-jähriger Junge am 13. August 1961. An diesem Tag begann der Bau der Mauer. Ich kann mich daran genau erinnern, da mein Vater einen Herzanfall erlitten hatte. Um uns Kinder ab­zulenken, lief der Fernseher. Dort sah ich die Bilder von Grenzsoldaten und Stachel­drahtzäunen.

Wo waren Sie am 9. November 1989?

Freunde, die verreist waren, hatten uns ihre Wohnung in London überlassen. Einen Fernseher gab es nicht, er war kaputt und wurde gerade repariert. Erst als ich am nächsten Morgen die Zeitung aufschlug, habe ich vom Mauerfall erfahren. Selbstverständlich hat mich diese Nachricht sehr gefreut. Aber natürlich war ich auch sehr traurig darüber, dieses wunderbare Ereignis nicht live im Fernsehen mitverfolgt zu haben.

Während Ihrer Arbeit als Historiker haben Sie auch in der DDR geforscht. Wie haben Sie das Land erlebt?

Die Arbeit war sehr anstrengend – nicht nur wegen der Schwierigkeit, überhaupt ein Visum zu bekommen. Die Mitarbeiter in den Potsdamer und Merseburger ­Zentralarchiven verhielten sich korrekt, waren aber kühl. Offen redeten dagegen die Arbeiter in den Leunaer Chemie-Werken. Sie erzählten von Problemen mit dem kommunistischen Führungspersonal. Anders als die Archiv-Mitarbeiter machten sie nicht den Eindruck, als hätten sie Angst davor, Probleme zu bekommen, wenn sie mit einem „Westler“ sprachen. Ich fühlte mich in der DDR sehr beengt, hatte fast ein klaustrophobisches Gefühl. Zurück im Westen konnte ich gleich wieder freier atmen.

Sie besuchen Deutschland immer wieder. Ist Berlin, ist Deutschland, 20 Jahre nach dem Mauerfall wieder ­zusammengewachsen?

Noch nicht ganz. Die Aufgabe der Wiedervereinigung ist zweifellos schwieriger, als es sich die meisten Beobachter 1989 vorgestellt haben. Die Planwirtschaft in der DDR hat zu großen Unterschieden in beiden Teilen Deutschlands geführt. Regionen wie Thüringen oder Sachsen, die noch 100 Jahre zuvor zu den innovativsten und wohlhabendsten Gebieten Europas gehörten, haben nach 1945 viele gute Köpfe in den Westen verloren. Es wird noch einige Zeit dauern und viel Arbeit erfordern, bis die Wiedervereinigung vollendet ist. Wenn Deutschland die aktuelle Wirtschaftskrise gut übersteht und die Menschen in den neuen Bundesländern weiter unterstützt, werden die Generationen, die ohne die Mauer aufgewachsen sind, wirklich zusammenwachsen. Die deutsche Hauptstadt ist ein anderer Fall. Zweifellos ist Berlin wieder eine Stadt, aufregend, preiswert und in einem Atemzug mit London oder Paris zu nennen. Für junge Menschen aus der ganzen Welt ist Berlin äußerst attraktiv.

Ist die friedliche Revolution in der DDR ein Vorbild für andere Länder?

Tatsache ist, dass die kommunistischen Führer in den 1980er-Jahren nicht bereit waren, die eigene Bevölkerung umzubringen, um ihre Macht zu bewahren. Bei ihren Vorgängern der Stalin-Ära hätte das vielleicht ganz anders ausgesehen. Auch die Zielstrebigkeit und das politische Geschick der DDR-Bürgerrechtsbewegung sind äußerst bemerkenswert. Sie sind ein Paradebeispiel für den deutschen Humanismus, den ich eingangs erwähnt habe. Aber ist die friedliche Revolution ein Vorbild für die Welt? Da bin ich mir nicht so sicher. Einfach deshalb, weil in anderen Regionen die Machthaber skrupelloser sind und die Opposition undisziplinierter ist.

 

Frederick Taylor

Die deutsche Geschichte kennt Frederick Taylor von mehreren Studienaufenthalten, die ihn bereits in den 1970er-Jahren für längere Zeit in beide deutsche Staaten führten. Der 62-Jährige hat Neue Geschichte und Germanistik studiert und ist Fellow der Royal Historical Society. Taylor hat sich als Autor und Übersetzer einen Namen gemacht. Sein 2004 veröffentlichtes Buch über die Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg „Dresden. Dienstag, 13. Februar 1945“ wurde ein internationaler Bestseller.

19.03.2009
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