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Ein Interview mit Klaus Wowereit

Berlin ist „the place to be“

Ein Interview mit Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin

Herr Wowereit, am 9. November vor 20 Jahren fiel die Mauer. Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Ich erinnere mich gut an diesen historischen Donnerstag. Eine Verwandte aus der DDR war bei uns in Lichtenrade, eine Rentnerin. Wir waren beim Chinesen essen. Dann waren wir wieder zu Hause, meine Mutter und unser Besuch waren schon zu Bett, da rief völlig aufgewühlt ein Nachbar an. Ich sollte mal meine Akten weglegen – ich war damals Stadtrat – und den Fernseher anmachen. „Du wirst es nicht glauben, Klaus“, sagte er. Und es fiel mir auch schwer zu glauben, was ich da sah. Die Mauer war offen.

Seither hat sich in Berlin viel verändert. Ist in Berlin tatsächlich „zusammengewachsen, was zusammengehört“?

Berlin ist das einzige Land der Bundesrepublik, in dem Ost und West auch auf Landesebene noch einmal zusammenfinden mussten. Insofern war es nicht falsch, Berlin als Werkstatt der Einheit zu bezeichnen. Inzwischen hat sich Willy Brandts Prognose erfüllt. In Berlin ist zusammengewachsen, was zusammengehört. Aber es ist natürlich nicht wieder so geworden, wie es in der Vergangenheit einmal gewesen ist, denn Geschichte und Entwicklung sind weitergegangen.

Von der einstigen Teilung ist nicht mehr viel zu sehen . . .

Man muss verstehen, dass unmittelbar nach dem Fall der Mauer eine Stimmung vorherrschte, die alle Symbole der als unmenschlich empfundenen Teilung beseitigen wollte. Heute dagegen gibt es das Bedürfnis, diese Teilung anschaulich, wenn Sie wollen, sogar nacherlebbar zu machen. Ich denke, dass wir richtige Entscheidungen getroffen haben und rund um die Bernauer Straße eine angemessene Form des Mauergedenkens entsteht.

Was bedeuten Ihnen heute die Kategorien „Ost“ und „West“?

Die Stadt ist 20 Jahre danach zusammengewachsen. Trotzdem bedeuten Ost und West noch immer mehr als die Himmelsrichtungen. Denn nach wie vor haben die Menschen ihre Biografien, die natürlich geprägt sind von den Erfahrungen in Ost und West. Und manchmal werden auch noch unterschiedliche Emotionen deutlich, die sich aus diesen Erfahrungen ergeben

Gibt es inzwischen eine gemeinsame Berliner Identität?

Ja, die gibt es. Das hat auch die Hauptstadtkampagne „be Berlin“ eindrucksvoll gezeigt. Menschen aus allen Stadtteilen und verschiedenster Herkunft haben dort ihre Verbundenheit mit unserer Stadt kreativ zum Ausdruck gebracht. Die Berlinerinnen und Berliner sind stolz auf ihre weltoffene und lebenswerte Stadt.

Vor einem Jahr lancierten Sie die Kampagne „be Berlin“. Wie will sich Berlin international positionieren?

Berlin ist „the place to be“. Den internationalen Teil der Kam­pagne haben wir kürzlich gestartet. Dabei geht es darum, weltweit einen langfristigen Imagegewinn für Berlin zu erzielen. Berlin ist ein politisches Entscheidungszentrum in Europa, weltoffene Kulturmetropole, Magnet der kreativen Szene und Standort moderner Technologien. Wir wollen in der ganzen Welt Neugier auf unsere Stadt wecken und für die Vorzüge der Stadt werben, um neue Freunde für Berlin zu gewinnen.

Berlin erfreut sich international bereits großer Beliebtheit – besonders als Kreativ-Stadt. Was ist das Besondere an Berlin?

Wir sind die Stadt des Wandels. Entwicklung, Fortschritt, Veränderung sind in Berlin Programm. Die Stadt ist international, spannend, tolerant, offen, immer neu – kommen Sie unbedingt nach Berlin.

Dennoch steht die Hauptstadt vor gewaltigen wirtschaftlichen Herausforderungen. Wie wollen Sie diese meistern?

Diese Herausforderungen bestehen gegenwärtig in den Auswirkungen der internationalen Finanzkrise. Aber wir sehen, dass es sich auch in der Krise bewährt, dass wir in Berlin auf Innovation gesetzt haben. Wir haben konsequent daran gearbeitet, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenzubringen. So sind Arbeitsplätze entstanden, die modern und zukunftsgerichtet sind.

Im August steht Berlin mit der Leichtathletik-WM wieder im Fokus der Weltöffentlichkeit. Was können wir erwarten?

Das wird sicherlich einer der Höhepunkte des Jahres 2009. Die Leichathletik-WM ist nach den Olympischen Spielen und der Fußball-WM das drittgrößte Sportereignis der Welt. Berlin wird ein guter Gastgeber sein. Das Olympiastadion ist eine fantastische Arena für die Leichtathletik, und das sportbegeisterte Publikum wird die Athleten zu Spitzenleistungen antreiben. Fans aus aller Welt werden nach Berlin kommen. Wir freuen uns darauf und heißen unsere Gäste willkommen.

Wie feiert Berlin den 9. November?

Vom 7. bis 9. November findet rund um das Brandenburger Tor das große „Fest der Freiheit“ statt. Die Berlinerinnen und Berliner werden zusammen mit Gästen aus aller Welt, mit Zeitzeugen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens feiern.

Wenn Sie als gebürtiger Berliner zum Jahrestag einen Wunsch für Ihre Stadt frei hätten: Welcher wäre das?

Es wäre wunderbar, wenn die gute Fee uns im Handumdrehen von unseren Schulden befreien würde.

 

Klaus Wowereit

ist seit 2001 Regierender Bürgermeister von Berlin und einer der beliebtesten deutschen Politiker. Der gebürtige Berliner trat als Oberschüler der SPD bei. Wowereit studierte Rechtswissenschaft an der Freien Universität Berlin.

13.03.2009
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