Bislang gibt es in Deutschland nur an einzelnen Hochschulen Professuren für Islamische Religionslehre. Der Wissenschaftsrat, der unter anderem die Bundesregierung in Hochschulfragen berät, plädiert daher für den Ausbau theologisch orientierter islamischen Studien. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, der Münchner Professor Peter Strohschneider, hält ein universitäres Umfeld für entscheidend, damit sich dieses neue Fach in enger Kooperation mit den nicht bekenntnisgebunden arbeitenden islamwissenschaftlichen Fächern und den christlichen Theologien in Forschung und Lehre entwickeln könne. In Deutschland leben derzeit vier Millionen Muslime – rund fünf Prozent der Bevölkerung. Strohschneider: „Sie erheben berechtigterweise den Anspruch, dass ihre Kinder in der Schule islamischen Religionsunterricht erhalten.“
Ein weiterer Ausbau islamischer Religionspädagogik, so der Wissenschaftsrat, trage zu einer methodisch fundierten Reflexion der religiösen Schriften und der Praktiken des Islam in deutscher Sprache bei. Das wiederum eröffne die Möglichkeit, Imame, aber auch den eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs für die rund 2600 Moscheen, an deutschen Hochschulen theologisch auszubilden. Nach bisheriger Praxis studieren in Deutschland tätige Imame zumeist im Ausland. Das kann dazu führen, dass in Deutschland aufgewachsene Muslime für ein Theologiestudium zurück in die Türkei gehen, obwohl sie in Deutschland arbeiten wollen.
An den Universitäten Erlangen, Münster, Frankfurt und Osnabrück studieren derzeit rund 200 Studenten islamische Theologie und Religionspädagogik. Bülent Ucar ist seit 2008 Professor in Osnabrück. Unter seiner Leitung soll der Studiengang dort weiter ausgebaut werden. Ucar begrüßt den Vorschlag des Wissenschaftsrates: „Die Integrationsdebatte, die weltpolitische Situation sowie aktuelle Studien zur Religiosität von Muslimen in Deutschland erfordern es, sich mit dem Thema Islam zu beschäftigen“. Die religiöse Erziehung von mittlerweile 900000 muslimischen Schülerinnen und Schülern werde, so Ucar, seit den 1970er-Jahren völlig den Moscheen überlassen. Jetzt sei es an der Zeit, „zügig Standorte aufzubauen und islamische Religionslehrer und Imame in Deutschland auszubilden“. Nur sie könnten auf die religiösen Bedürfnisse der hier lebenden Muslime eingehen und zur Integration beitragen.
Osnabrück nimmt mit derzeit 35 Studierenden eine Vorreiterrolle ein: Das Land Niedersachsen hatte schon lange vor der Empfehlung des Rates angekündigt, dort zügig ein Institut für islamische Theologie mit zusätzlich fünf Professuren aufbauen. Bei Politikern und Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Migrantenverbänden – unter ihnen die Türkische Gemeinde in Deutschland – erfahren die Empfehlungen einhelligen Zuspruch. Nach Berechnungen des Wissenschaftsrates werden allein etwa 2000 Lehrer benötigt, um bundesweit islamischen Religionsunterricht anbieten zu können.
Wie soll die Gestaltung der theologischen Studiengänge sowie die Einstellung des wissenschaftlichen Personals geregelt werden? Darüber dürfte es noch zu Diskussionen kommen. Der Wissenschaftsrat schlägt vor, „an den entsprechenden Hochschulen kompetente Beiräte für Islamische Studien einzurichten.“ Strohschneider verweist auf mögliche Schwierigkeiten: „Der bekenntnisneutrale Staat ist aufgrund unserer Verfassung auf die Kooperation mit einer Religionsgemeinschaft angewiesen, um die Inhalte des entsprechenden Theologiestudiums oder der entsprechenden Religionslehrerausbildung festzulegen.“
Der Wissenschaftsrat schlägt daher ein Modell vor, das sowohl dem Selbstverständnis der Muslime als auch der Vielfalt ihrer religiösen Ausrichtungen und konkreten Organisationsformen in Deutschland gerecht werden will. Daher sollen die unterschiedlichen muslimischen Verbände, die sich im Koordinationsrat der Muslime zusammengeschlossen haben, im Beirat vertreten sein. Der Auftrag des Beirates ergibt sich nach Auffassung des Wissenschaftsrates aus den religionsverfassungsrechtlichen Bedingungen: Er soll an der Ausgestaltung der Studiengänge und an der Berufung der Professorinnen und Professoren mitwirken – allerdings mit einer Einschränkung. Strohschneider: „Die Auswahl der Bewerber und die Beurteilung ihrer wissenschaftlichen und pädagogischen Qualitäten ist die alleinige Aufgabe der Universität“.














