Die Beziehung zwischen Berlin und Tokio, zwischen den Politikern beider Länder, zwischen den Unternehmungen und ihren Managern, zwischen beiden Nationen insgesamt sind heute in guter Ordnung. Sie erscheinen auch für morgen und übermorgen in keiner Weise gefährdet.
Allerdings kennen die Nationen sich gegenseitig nicht sonderlich. Dabei ist es gar nicht notwendig, dass etwa die Deutschen etwas wissen über Genji Monogatari oder – Jahrhunderte später – über Hideyoshi. Wohl aber sollten wir im Umriss Bescheid wissen über die Geschichte Ostasiens im 20. Jahrhundert. Es ist umgekehrt nicht notwendig, dass die Japaner etwas wissen von Heinrich dem Löwen, von Martin Luther oder von Friedrich dem Großen. Wohl aber sollten die japanischen Eliten eine Vorstellung haben davon, wie Deutschland sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegenüber fast allen seiner vielen Nachbarn zu einem vernichtenden Krieg hat hinreißen lassen – und wie es in der zweiten Hälfte zur Europäischen Union gekommen ist.
Auch wenn die beiden Länder wenig voneinander wissen: Umso wichtiger ist die Arbeit einer Institution wie das Japanisch-Deutsche Zentrum Berlin, dessen 25jähriges Jubiläum wir heute feiern. Als Bundeskanzler Helmut Kohl und Premierminister Yasuhiro Nakasone Anfang der achtziger Jahre vereinbarten, dieses Zentrum zu gründen, da ging es ihnen gerade darum, den wissenschaftlichen, aber natürlich auch den politischen und wirtschaftlichen Dialog zwischen Japanern und Deutschen zu vertiefen.
Die Verbesserung des Dialogs ist auch gelungen – durch zahlreiche Konferenzen und Symposien, durch Ausstellungen, Konzerte, durch Jugendaustausch und Sprachunterricht. Aber natürlich kann das Japanisch-Deutsche Zentrum nur eine kleine Zahl von Menschen direkt erreichen. Die Mehrzahl der Japaner und der Deutschen weiß nach wie vor wenig voneinander.
Aber auch, wenn die beiden Nationen sich nicht besonders gut kennen, so bleibt es für unsere beiden Nationen wichtig zu erkennen, dass wir alle die schrecklichen Dinge aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts jedenfalls nicht früher vergessen dürfen als unsere Nachbarn sie vergessen.
Einstweilen wird deshalb für unsere beiden Nationen unsere weltpolitische Bedeutung eingeschränkt bleiben (und aus gleichen Gründen erscheint mir das beiderseitige Streben nach einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mindestens als voreilig, wenn nicht als unnötiges Erschwernis).
Auf zwei Feldern jedoch sind sowohl Japan als auch Deutschland durchaus legitimiert, Initiativen zu ergreifen. Dies gilt aufgrund ihrer ökonomischen Leistungsfähigkeit erstens für das seit Jahrzehnten vernachlässigte Feld der Unordnung auf den globalen Finanzmärkten und der global verbreiteten neuartigen Finanzinstrumente.
Wegen unserer beiderseitigen Beteiligung am Nichtverbreitungsvertrag für atomare Waffen und wegen unseres beiderseitigen Verzichts sind wir beide zweitens legitimiert zu Initiativen auf dem Feld der atomaren Rüstungsbegrenzung und der atomaren Abrüstung. Die Hauptschuld für den offenbar stetigen Anstieg der Zahl von Atomwaffenstaaten liegt bei dem seit 40 Jahren anhaltenden Versäumnis der fünf ursprünglichen Atommächte des Atomwaffensperrvertrags, ihrerseits ihre vertragliche Abrüstungsverpflichtung zu erfüllen, an der Spitze die USA und Russland.
Lassen Sie mich am Schluss noch einmal festhalten: Auch wenn die beiden Nationen sich nicht besonders gut kennen, auch wenn sie weit entfernt voneinander leben, auch wenn sie ökonomische Konkurrenten sind, so ist doch das Verhältnis der beiden Nationen zueinander ausgesprochen freundschaftlich. Dazu trägt die Liebe der Japaner zur deutschen Musik und zur klassischen europäischen Musik insgesamt bei. Wer einmal in der Suntory Hall eine Mozart- oder Beethoven-Symphonie erlebt und gesehen hat, wie unter dem Konzertpublikum hunderte von Leuten, mit der Partitur vor sich auf den Knien, sehr sachverständig die Musik verfolgen, der kann das bezeugen. Aber auch umgekehrt sind Toyota und Mazda in Deutschland ebenso beliebt wie ein Sushi oder wie Shiseido oder wie das japanische Feuerwerk auf der Alster. Und bei mir zuhause hängen ein Farbholzschnitt von Hokusai und einer von Hiroshige.////














