Ein großes Büro im Sony-Center mitten in Berlin am Potsdamer Platz. Die breite Fensterfront bietet einen großartigen Blick auf das Brandenburger Tor, das Wahrzeichen der Stadt. Auf den Schreibtischen türmen sich Papierstapel. Zig Fernsehbildschirme laufen gleichzeitig. Ein Mitarbeiter telefoniert, der andere tippt am PC. Zwei weitere diskutieren. Insgesamt sechs Mitarbeiter – neben Büroleiter Naoto Yamagishi ein Vize-Chef, zwei Korrespondenten, zwei Rechercheure und ein Kameramann – berichten für Fuji TV, einem von drei japanischen TV-Sendern in Berlin, aus der deutschen Hauptstadt. Fuji TV ist der größte Privatsender des Landes und Marktführer bei den Einschaltquoten. „Der Tag beginnt mit der Zeitungslektüre“, sagt Naoto Yamagashi, „der Fernseher läuft sowieso 24 Stunden am Tag“. Was passiert in der Welt? Und vor allem: Welche Themen aus Deutschland interessieren die Zuschauer in Japan? „Das ist die Frage, die wir uns am häufigsten stellen“, so Naoto Yamagishi. „Denn natürlich erleben wir die Welt in Berlin anders. Was hier im Mittelpunkt steht, muss in Japan nicht interessieren.“
Mit ihren Informationen, Themenideen, Beiträgen und Reporterstatements beliefert das Berliner Büro vor allem die News-Sendung „Speak“ von Fuji TV. Die wird in Japan um 11.30 Uhr ausgestrahlt – also im Sommer 4.30 Uhr, im Winter 3.30 Uhr europäischer Zeit. Das bedeutet für Yamagishi und seine Kollegen: Ein normaler Arbeitstag endet etwa gegen 19 Uhr, manchmal geht es aber auch bis spät in die Nacht. Mit der Redaktion in Tokio telefoniert Yamagishi jeden Tag mehrmals. Zweimal pro Woche, immer montags und donnerstags, setzen sich außerdem alle Berliner Kollegen zu einer Redaktionskonferenz zusammen. Von der Hauptstadt aus deckt das Korrespondentenbüro den gesamten deutschsprachigen Raum ab, den europäischen Norden und die osteuropäischen Staaten. Das Team reist viel: Bei der UN-Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen werden sie dabei sein. Sie fahren aber auch schon mal nach Rumänien oder in die Türkei, um von dort zu berichten.
Naoto Yamagishi kam 2005 nach Berlin. Als Kind hat er sechs Jahre in Wien gelebt und spricht deshalb noch gut Deutsch. Bei Fuji TV arbeitet er seit 1994. In vier Jahren Berlin hat er schon viel erlebt. Gleich im ersten Jahr stand die damalige Bundestagswahl an. Fast gleichzeitig lief der Berlin-Marathon, für Fuji TV ein besonderes Ereignis. Der Sender hält die Rechte für die Ausstrahlung in Japan und der Marathon ist jedes Jahr ein Großereignis. „Dort werden Rekorde gelaufen.“ 2006 war das Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. „Das war einer der Gründe, warum ich nach Berlin wollte“, so der 39-Jährige. Die japanische Nationalmannschaft wurde in Bonn untergebracht, Naoto Yamagishi durfte sie 40 Tage lang begleiten. 2007 fand der G8-Gipfel in Heiligendamm statt. Klimawandel, die neue Bundesregierung und der 20. Jahrestags des Mauerfalls: Das sind die großen Themen 2009.
Zum Mauerfall hat Fuji TV Menschen getroffen, die ihre Erinnerungen an die Zeit um den 9. November 1989 schildern. „Wir wollten nicht die Bilder zeigen, die alle schon gesehen haben, sondern einen Blick hinter die Kulissen werfen.“ Persönliche Geschichten zu entdecken – das ist es, was Naoto Yamagishi an seinem Beruf fasziniert. Die vielleicht beeindruckendste Begegnung: „Ich habe einen Mann interviewt, der von der Stasi verhaftet und jahrelang ins Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen gesperrt wurde. Das war wirklich sehr bewegend.“ Manchmal sind gerade „deutsche Themen“ spannend für Japan. Die Abwrackprämie zum Beispiel – die hat auch die japanische Autoindustrie unterstützt. Und als 2008 in Japan eine Große Koalition zur Diskussion stand, konnten Yamagishi und seine Kollegen aus Deutschland berichten, wie die Regierung hier unter diesen Bedingungen gearbeitet hat.
Seinen Landsleuten empfiehlt Naoto Yamagishi eindringlich eine Reise in die deutsche Hauptstadt. Noch heute richte sich der Blick aus Japan Richtung Europa vor allem nach Paris oder London, erzählt er. „Das ist schade, denn Berlin ist eine großartige Stadt. Hier treffen alt und neu aufeinander“, so der Journalist. Berlin gefällt ihm wirklich: „Die Atmosphäre ist toll, die Menschen sind nett, ich fühle mich hier sehr wohl.“ Er lebt mit seiner Frau und der dreijährigen Tochter in der Stadt. In vier Jahren ist er nur einmal nach Japan gereist. Jetzt im November wird er das zweite Mal fahren.














