Bewerber für die Leitung des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) gab es viele. Haci Halil Uslucan setzte sich schließlich durch und bekam die international ausgeschriebene Stelle. Seine Berufung zum Professor an die Universität Duisburg-Essen erfolgte im Frühjahr, und im August trat er das an die Professur gekoppelte Amt als wissenschaftlicher Leiter des Zentrums an. Zum Bewerbungsverfahren gehörte, einen Vortrag auf Deutsch, Englisch und Türkisch zu halten – und zwar so, dass ihn auch fachfremde Zuhörer verstehen. Ein Leichtes für Uslucan, der Psychologie, Literaturwissenschaft und Semiotik studiert hat. Wer den Experten schon einmal erlebt hat, weiß um seine Fähigkeit, komplizierte Zusammenhänge einfach und unterhaltsam zu vermitteln.
Als Nachkomme türkischer Gastarbeiter gehört der 45-Jährige zu den Wissenschaftlern, die auch aus ihrer Biografie heraus Interesse an der Migrationsforschung haben. Uslucan wurde mit einer Arbeit über „Jugendliche Gewalt und familiale Erziehung in inter- und intrakulturellen Kontexten“ habilitiert und unterrichtete an Universitäten in Berlin, Wien und Hamburg. Künftig wird er in Essen lehren und forschen. Mit dem Einzug in sein Büro im Zentrum, das seinen Sitz in einem ehemaligen Gebäude der Firma Krupp hat, beginnt dort eine neue wissenschaftliche Ausrichtung. Wo einst Stahl für die Rüstungsindustrie produziert wurde, will sich der aus dem Osten der Türkei (Kayseri) stammende Forscher den Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts widmen. Uslucan will mehr als Studien und Befunde zu „gesellschaftlichen Zuständen“ liefern; das Zentrum soll sich künftig auch mit der Frage beschäftigen, welche Interventionen erforderlich sind, um Missstände zu beheben. Auch soll das Zentrum stärker als bisher andere Einwanderergruppen einbeziehen. Parallel dazu wird das Forschungsfeld erweitert und werden mehr „lebensweltnahe Themen“ ins Visier genommen. „Über Wirtschaftsthemen hinaus möchten wir uns all den Fragen stellen, die Erziehung, Bildung, Arbeitsmarkt, Alltagsgestaltung betreffen“, kündigt Uslucan an. Kulturelle Diversität und Lebensentwürfe unterschiedlicher Migrantengruppen im Kontext der Mehrheitsbevölkerung zu untersuchen, nennt er als einen weiteren Schwerpunkt.
Diese neue Linie deutet schon die mit Uslucans Ernennung erfolgte Namenserweiterung „und Integrationsforschung“ an. Vor 25 Jahren wurde das Institut als ein Projekt des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft mit dem Namen „Zentrum für Türkeistudien“ ins Leben gerufen. Der explizit formulierte Anspruch der Gründer, „durch wissenschaftlich fundierte Untersuchungen einen Beitrag zu leisten, um den Wissens- und Informationsstand über die Türkei und die türkischen Migranten in der bundesdeutschen Öffentlichkeit zu erhöhen“, hatte damals durchaus seine Berechtigung. Denn in jenen Jahren waren weder die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland noch die Lebensverhältnisse der türkischen Einwanderer erforscht.
Die erste Untersuchung führte das Zentrum im Auftrag der Internationalen Arbeitsorganisation zur türkischen Selbständigkeit in Deutschland durch. In der Folgezeit begleitete es, zunächst von Bonn aus, den Wandel der Bundesrepublik zur interkulturellen Gesellschaft. Das 1991 nach Essen umgezogene Zentrum veröffentlichte zahlreiche Studien, gab Publikationen heraus und organisierte Tagungen. Seit ihrer Gründung arbeitet die Einrichtung für private und öffentliche Auftraggeber, darunter das Land Nordrhein-Westfalen.
Ausgerechnet durch die Person, die maßgeblich am Aufbau beteiligt war, bekam das Image des Instituts zunehmend Risse: Faruk Sen. Uslucans Vorgänger stand dem Zentrum 23 Jahre lang vor und geriet immer mehr in die Kritik; angezweifelt wurde die Wissenschaftlichkeit von Studien unter Sens Federführung. Der Vorwurf des Antisemitismus kostete ihn schließlich den Posten. In einem Artikel für das türkische Wirtschaftsmagazin „Referans“ hatte der damals 60-Jährige türkische Migranten als die „neuen Juden“ in Europa bezeichnet. Aus Sorge um die Reputation des Zentrums, das 2001 in eine Landesstiftung umgewandelt worden war, trennte sich das Kuratorium 2008 von Sen.
Mit seiner veränderten Struktur tritt das Zentrum nun in eine neue Phase ein; Kernpunkt ist eine „vertraglich vereinbarte Partnerschaft“, auf die sich die Universität Duisburg-Essen und das Zentrum verständigt haben. In der Fakultät für Geisteswissenschaften wurde eine Professur für „Moderne Türkeistudien“ eingerichtet; um eben diese Professur hatte Uslucan sich erfolgreich beworben. Die Verabredung besteht darin, dass Uslucan für die wissenschaftliche Leitung des ZfTI zum Großteil von der Lehre freigestellt ist, im Gegenzug fördert das Zentrum die Fakultät jährlich mit 80000 Euro. Die Anbindung an die Universität hält Uslucan für eine gute Möglichkeit, Lehre und Forschung zu verknüpfen.
Das Zentrum finanziert sich über Stiftungsgeld, institutionelle Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen und zum Großteil aus Drittmitteln; etwa drei Viertel der Einnahmen werden über Auftragsarbeiten erwirtschaftet. Ein paar Aufträge hat Uslucan seit seinem Amtsantritt schon akquiriert und auch Bewerbungen für öffentlich ausgeschriebene Forschungsvorhaben abgeschickt. Details möchte der ZftI-Leiter nicht verraten – wegen der Konkurrenz. Denn an ihr mangelt es nicht. Es gibt mittlerweile etliche Institute, die sich auf Migrationsforschung spezialisiert haben. Sorgen um die Zukunft des Zentrums, das derzeit insgesamt 14 Mitarbeiter beschäftigt, macht sich Uslucan aber nicht. Zwar tritt der Wissenschaftler kein leichtes Erbe an, doch dass sein Start in Essen mit einer neuen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen zusammenfalle, biete ihm und dem Institut ideale Voraussetzungen für den Neuanfang.////















