Er ist Stückeschreiber und Schauspieler, Theaterregisseur, Musikproduzent – und Professor für Volkskunde an der Universität Srinagar in Kaschmir. Den kulturelle Reichtum seiner Heimat vermittelte Data Ram Purohit jetzt ein Semester lang am Südasien-Institut der Universität Heidelberg: mit Lehrveranstaltungen über das Volksschauspiel in der Garhwal Region, einem Sprachkurs und der Deutung des uralten Mahabharata-Epos, einer für Hindus heiligen Schrift.
Purohit hatte einen „rotierenden Lehrstuhl“. Der funktioniert so: Das Indian Council for Cultural Relations (ICCR) entsendet einen erfahrenen Professor zur Intensivierung der Indien-Studien in Deutschland. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) stellt einen wissenschaftlichen Mitarbeiter und ein anerkennendes Lehrhonorar. Die aufnehmende Hochschule sorgt für eine förderliche Arbeitsumgebung und eine geeignete Unterkunft. Die deutschen Universitäten können Gastprofessoren vorschlagen, die letzte Entscheidung darüber liegt aber beim ICCR. In Zukunft soll das Besucherprogramm auch in umgekehrter Richtung „rotieren“, erklärt Dorothea Jecht, Leiterin des Südasienreferats beim DAAD.
Wer auf den rotierenden Lehrstuhl kommt, kommt nicht zufällig, wie sich am Beispiel Purohit zeigt. In Heidelberg war er schon seit Jahren eine bekannte Größe, beteiligt an einem Forschungsprojekt über „Ritual Dynamics and the Science of Ritual“. Früchte der Zusammenarbeit sind etwa gemeinsame wissenschaftliche Veröffentlichungen mit dem Direktor des Südasien-Instituts, William S. Sax – und ein Theaterstück beider Autoren auf Hindi. Theorie und Praxis der Kultur bilden für Purohit eine lebendige, bei Gelegenheit auch spektakuläre Einheit. So eröffnete er im Herbst 2008 eine internationale Tagung in Heidelberg zusammen mit dem Popsänger Pritam Barthwan und einem Lied, das die Hilfe der Götter herbeirufen soll. Im Publikum saßen 260 Gelehrte aus aller Welt und mehr als einem Dutzend Fachdisziplinen. Selten zuvor fand eine rituelle Darbietung aus der Garhwal-Region solch ein Weltecho wie auf dem Heidelberger Kongress.
Gemeinhin werden die Sciences, vor allem experimentelle Wissenschaften als treibende Kraft unserer Zeit betrachtet. Sie stehen mithin auch im Vordergrund des wissenschaftlichen Austauschs. Darauf anspielend, definiert der deutsche Soziologe Wolf Lepenies die Kulturwissenschaften als „Experiment im Verstehen“ kultureller Eigenheiten und Unterschiede. In diesem Sinne sind die „rotierenden Lehrstühle“ eine passende Ergänzung zu vielfältigen Kooperationen zum Beispiel zwischen den Indian Institutes of Technoloy und den Technischen Universitäten in Deutschland.
Zusammen mit Purohit kam ein weiterer Repräsentant und Mittler der Kulturtradition nach Deutschland, der Sprachwissenschaftler und Sanskritexperte Gaya Charan Tripathi vom Indira Gandhi National Centre for Arts in Delhi. Er lehrte und forschte während seines Gastsemesters in Marburg, wo Indologie schon seit 1845 Studienfach ist. In der Zeit entstand im Lande Humboldts die „Indogermanistik“, die Mutter aller vergleichenden Sprachwissenschaften. Nach dem Studium der alten Sprachen Veda und Sanskrit in seiner Heimatstadt Agra kam Tripathi erstmals 1962 an die Universität Freiburg. Er blieb mit einem Postdoc-Stipendium bis 1967 und machte in der Zeit zusätzlich seinen deutschen Doktor, mit Bestnote. Seither spricht der binationale Gelehrte Deutsch wie eine Muttersprache. Mit 38 Jahren wurde er Leiter des international renommierten Forschungsinstituts für Sanskrit in Allahabad. Seither war er auch immer wieder als Gastprofessor in Deutschland, 2000/01 als Lehrstuhlvertreter für Indologie an der Uni Leipzig. „Den intellektuellen Austausch mit deutschen Studenten und Kollegen empfinde ich stets als anregend und bereichernd, selbstverständlich auch mit heute 69 Jahren“, versichert Tripathi.
Unter dem Motto „A new passage to India“ will die deutsche Außenwissenschaftspolitik den Austausch in allen Fachrichtungen verstärken. „Von der gegenseitigen Mobilität können beide Seiten nur profitieren“, sagt Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan. Tatsächlich aber studieren derzeit etwa 36000 Inder in den USA, 8000 in Australien und 6000 an britischen Universitäten – aber in Deutschland nicht viel mehr als 4000. Umgekehrt sind in Indien lediglich rund 500 deutsche Gaststudenten registriert. Neue Zentren für zeitgenössische Indologie in Deutschland sollen das Interesse am Subkontinent steigern.
„Wir bauen gegenwärtig ein solches Indien-Zentrum auf“, erklärt etwa Stephan Klasen, Professor für Entwicklungsökonomik an der Universität Göttingen. „Ich bin sicher, dass unser Gast Sunil Kanwar von der University of Delhi dabei eine wichtige Rolle spielen kann.“ Kanwar dozierte er im Sommer 2009 in Göttingen über die „Arbeitsmärkte in Entwicklungsländern“. Sein Fachkollege Ramprasad Sengupta von der Jawaharlal Nehru University Delhi las gleichzeitig am Hamburger Asien-Afrika-Institut über „Nachhaltige Entwicklung in Indien“, also den Zusammenhang von Ökonomie und Ökologie.
Der Fünfte in der ersten Runde indischer Gastdozenten war der Geograph Surinder Aggarwal. Er war schon im Jahr 2000 Postdoc-Stipendiat in Bonn und kennt die deutsche Wissenschaft etwa als Partner in Projekten des Bundesforschungsministeriums und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Zur Zeit beleuchtet er zusammen mit seiner Kölner Kollegin Frauke Kraas die Verstädterung in Entwicklungsländern.
Mit den Themen Stadt, Land und Umwelt zeigen die „rotierenden Lehrstühle“ ein bemerkenswert sozialkritisches Profil. Das Studium der alten Sprachen und Traditionen hilft zudem, dass die kulturelle Vielfalt auf dem Globus dem Siegeszug moderner Technologie nicht zum Opfer fällt.














