Vier geübte Pinselstriche, vier feine Linien in Schlammgrau. Mit großer Sorgfalt verziert Sabine Wencker jedes Stück Porzellan. Keine Blüten, keine Rocaillen, keine kunstvollen Ming-Drachen entstehen hier. Und doch verleiht die Porzellanmalerin erst mit diesen bescheidenen vier Strichen auf der Unterseite jeder Tasse, jedes Tellers, jeder Schale den Stücken ihren Wert. Sie garantieren die Echtheit, erheben sie zum Kulturgut der ersten Porzellanmanufaktur Europas. Die Glasur und die Hitze des Brands bei 1400 Grad verwandeln die grauen Linien in leuchtendes Kobaltblau – in die gekreuzten Schwerter der Porzellanmanufaktur Meissen. Die älteste ununterbrochen verwendete Bildmarke der Welt, eines der bekanntesten Markenzeichen aus Deutschland.
Video: Impressionen aus der Porzellanmanufaktur
300 Jahre Meissen. Die Marke hat bisher alles überlebt – Aristokratie, Bürgertum, Faschismus, zwei Weltkriege und den „real existierenden Sozialismus“ in der DDR. Danach das Freischwimmen in der globalen Marktwirtschaft. Ihren Namen trägt die Manufaktur nach der knapp 30000 Einwohner zählenden Stadt im Osten Deutschlands, eine halbe Stunde von Sachsens Landeshauptstadt Dresden entfernt: Meißen – mit dem nur im Deutschen üblichen „scharfen S“. Die Manufaktur setzt lieber auf das international verständliche Doppel-S.
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Meissen. Zwiebelmuster, Streublümchen, teuer. Sonntagstee, bürgerlich, fein – und ein bisschen langweilig. Das sind genau die Assoziationen, denen Geschäftsführer Dr. Christian Kurtzke im 300. Jahr des Bestehens des Unternehmens Neues entgegensetzen will. So viel Neues in so kurzer Zeit, dass sich manche seiner Mitarbeiter wie der Porzellanteig auf der rotierenden Töpferscheibe fühlen dürften, mit der die wochenlange Handarbeit in der Manufaktur vielfach beginnt. Meissen erfindet sich neu. Kurtzke, 41 Jahre alt, promovierter Elektrotechniker mit einer Leidenschaft für Philosophie und Erfahrung als „Change Management“-Berater, hat seine Aufgabe Ende 2008 übernommen. Mit der klaren Vorgabe, die im Januar 1710 gegründete Manufaktur, heute Besitz des Freistaats Sachsens, auf Wachstumskurs zu steuern, den Umsatz von 35 Millionen Euro im Jahr deutlich zu steigern und den Kulturbetrieb in einen veritablen Wirtschaftsbetrieb zu wandeln. Das Jubiläumsjahr ist eine hervorragende Chance dafür, die weltweite Aufmerksamkeit will Kurtzke nutzen.
Wie navigiert er das traditionsreiche Haus in eine neue Richtung? Der Kurs heißt: zurück zur Zukunft. Kurtzke sagt ein klares Ja zur Tradition, zu Meissens Tradition der Innovation vor allem. Schließlich war es Johann Friedrich Böttger, der 1708 als erster Europäer Porzellan aus Kaolin, Quarz und Feldspat zustande brachte – die Entdeckung, auf der die Gründung der Manufaktur zwei Jahre später durch August den Starken von Sachsen beruhte. „Böttger hat mir den Weg aus der Krise gewiesen“, sagt Kurtzke dann auch ohne jede Ironie. Vielleicht inspirierte ihn das Bronzedenkmal des Alchimisten auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Etwas grimmig blickt Böttger über die Talstraße zur Porzellanmanufaktur herüber, direkt in Kurtzkes Bürofenster. Böttgers Versuche, dem chinesischen Geheimnis der Porzellanherstellung auf den Grund zu gehen, brachten damals zuerst ein schokofarbenes Material hervor, heute nennt man es „Böttgersteinzeug“. Ganz nett, aber bestimmt nicht das „Weiße Gold“, das sich der von der „Maladie de Porcelaine“ befallene Kurfürst von Sachsen vorgestellt hatte. Mit Diamanten und Edelsteinen besetzt, ließ sich aus dem braunen Scherben aber noch nie gesehener Schmuck gestalten, den die Damen am sächsischen Hof très chic fanden. Gute Idee, dachte Kurtzke und entwickelte in nur wenigen Monaten den Geschäftsbereich „Schmuck und Accessoires“ für Meissen. Zurück zu vergrabenen Wurzeln führt auch die Verlagerung auf das noch wenig bekannte Meissner Geschäftsfeld Architektur und Inneneinrichtung. Dabei arbeitete die Manufaktur schon unmittelbar nach ihrer Gründung auch als „Objektausstatter“ für August den Starken, gestaltete ganze Räume und Fassaden mit Porzellan.
Dresden-Touristen kennen den „Fürstenzug“ am Schloss, das aus 25000 Meissner Porzellanfliesen geschaffene größte keramische Wandbild der Welt. Es ist fugenlos verlegt und trotz seiner kunstvollen Ausführung extrem witterungsbeständig. An diese Technik knüpft die Manufaktur mit ihren neuen Wandelementen für das luxuriöse Bad und Spa, für Hotels und Geschäftseinrichtungen an. „Architektur und Innenarchitektur machen heute schon 60 Prozent des Gesamtgeschäfts aus, Tisch und Tafel nur 40 Prozent“, sagt der Geschäftsführer. Diesen Weg will er mit der Ende 2008 gestarteten neuen Generation von Wandelementen weitergehen: Die hat mit verschnörkelter Deko nichts zu tun, sondern setzt auf reduzierte, moderne, aufregend tieffarbige Elemente – ein architektonisches Programm in Handarbeit, mit dem Wissen aus Jahrhunderten hergestellt. „Für mich ist der Raum Treiber der Innovation“, sagt Kurtzke und zeigt die Projektion eines exklusiven Badezimmers, in dem von der Wandgestaltung bis zur Leuchte alles echt Meissen ist. Seine Vision.
Kurtzke ist ein Manager, dem man zutraut, dass er seine Mitarbeiter für neue Ideen begeistern kann. Mit Strahlen im Blick erzählt er, wie er die Zielgruppe verjüngen will. Im Gespräch beugt er sich eindringlich nach vorn, hängt oft ein „Verstehen Sie?“ an – gewohnt, dass andere nicht so schnell denken wie er. Immer wieder steht er auf, holt eine Abbildung oder ein Porzellanstück, um zu zeigen, was ihn antreibt. Natürlich soll auch bei „Tisch und Tafel“ vieles neu werden. „Wir haben 800000 verschiedene Formen, das ist wie ein klassisches Notenrepertoire, aus dem ein Jazzpianist etwas völlig Neues schafft.“ Auf die Interpretation komme es an. Und er zeigt zwei zierliche weiße Tee-Kopchen ohne Henkel, außen weiß, innen knallpink glasiert, stylish. „Das könnte ein neues Must-have werden“, sagt Kurtzke, dabei sei die Form über 200 Jahre alt. Intensiv habe er das gewaltige Lager und die Archive durchforstet nach solch traditionellen Formen, die durch wenig Veränderung modern wirken – und fand eine barocke Kumme, eine Handwaschschale, die sich in eine Müslischüssel verwandeln ließ, oder schlichte Mokkatässchen, seit 150 Jahren im Programm, die als „Espresso dell’Arte“-Set gleich zum Meissen-Topseller 2009 wurden. Es gibt jetzt ein Sushi-Service und Pasta-Teller – und plötzlich 40 Prozent mehr Kunden unter 35 Jahren in den Shops.
Das Wort „Sanierer“ aber mag Kurtzke gar nicht, das klinge zu sehr nach Personalabbau. Er weiß, dass seine 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, unter ihnen 300 über viele Jahre im Haus ausgebildete Porzellanmaler, sein wichtigstes Kapital sind. Auf die Frage, wo denn das „Arkanum“, das gut gehütete Geheimwissen der genauen Zusammensetzung der Porzellanmasse und der über 10000 Farbnuancen, verwahrt werde, antwortet Kurtzke: „In den Köpfen der Mitarbeiter und in ihren Händen.“ Was er meint, ahnt, wer einen Blick nicht nur in die Schauwerkstatt, die 300000 Menschen im Jahr besuchen, sondern in die „echte“ Manufaktur werfen darf. In das Gebäude an der Talstraße zog das Unternehmen Mitte des 19. Jahrhunderts, als es auf der Albrechtsburg, seit Gründung Sitz der Manufaktur, zu eng geworden war. Manche nennen es „das Kloster“.
Tatsächlich herrscht fast kontemplative Stille in den Hallen im Erdgeschoss. Wie Brötchen auf Bohlen gesetzt warten hier Tassen und Schalen in Rollregalen darauf, drei Brände durchzustehen. Konzentriert werden alle Handgriffe ausgeführt. Überhaupt die Hände: Einfach alles an Meissener Porzellan ist Handarbeit. Hinter den Türen der langen Flure in den oberen Stockwerken arbeiten die Porzellanmaler, jede und jeder spezialisiert auf Blumen, Landschaftsszenen, bestimmte Dekore. Fast alle kommen aus Meißen oder der Umgebung. Mit feinen Pinseln aus kanadischem Eichhörnchen widmen sie sich der Symbiose von Kunst und Handwerk. Man beginnt, Objekte wie die Schneeballblütenkanne, eine über und über mit winzigen, Stück für Stück von geschickten Händen geformten und später bemalten Blütchen besetzte Teekanne, mit anderen Augen zu sehen. Sie, 1739 von Meissens Stargestalter Kaendler entworfen, ist Teil der 40 Stücke umfassenden Jubiläumskollektion, mit der die Manufaktur ihren Geburtstag feiert und nebenbei ihr Können demonstriert. Manche der Objekte waren sofort ausverkauft. Auch das klassische Meissen hat eben viele Fans – weltweit.
Auch deshalb hat Meissen seine Jubiläumsausstellung am Stammsitz „All Nations are welcome“ genannt. Sie offenbart die jahrhundertelange internationale Vernetzung der Manufaktur und verneigt sich zugleich vor ihren Liebhabern: Die Vitrinen zeigen, welche Service und Kunstwerke in einzelnen Ländern besonders gemocht werden – die Blumendekore in Italien, die Mopsfiguren in Großbritannien, das Schwanenservice in Polen. Wer nicht nach Meißen kommen kann, hat die Chance, die Jubiläumskollektion auf einer der Stationen ihrer Welttournee zwischen Moskau und Shanghai zu sehen. //















