Herr Botschafter Dr. Stanzel, die Veranstaltungsreihe geht dem Ende entgegen. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Unsere Bilanz ist uneingeschränkt positiv. Mit über 800 Veranstaltungen haben wir unser selbst gestecktes Ziel von einer Veranstaltung pro Tag weit übertroffen. Die „Leuchtturmveranstaltungen“ zogen besondere Aufmerksamkeit auf sich. Hierzu zählen die Eröffnungsveranstaltung am 16.10.2010 in der Deutschen Schule in Yokohama, der Festakt am 24.1.2011, als wir unter Teilnahme des japanischen Kronprinzen und Staatsministers Bernd Neumann den 150sten Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen unseren Ländern feierten, oder das große Deutschlandfest, das wir am 23.10.2011 auf dem Gelände der Botschaft und des anliegenden Arisugawa-Parkes feiern konnten, und an dem Bundespräsident Wulff und der Kronprinz teilnahmen. Es gab ein breites Angebot, so dass es sehr schwer ist, allen Veranstaltungen und Veranstaltern gerecht zu werden. Und es ist unmöglich zu sagen, wieviele Menschen wir erreicht haben – es waren sicher Millionen.
Mitten in der Veranstaltungsreihe ereignete sich die Katastrophe. In wieweit hat sie „150 Jahre Freundschaft“ berührt?
Natürlich stellte das Erdbeben vom 11.3.2011, die Tsunami und die Havarie im AKW Fukushima I eine tiefe Zäsur dar, mit der wir alle nicht rechnen konnten und auf die wir uns auf deutscher wie auf japanischer Seite erst haben einstellen müssen. Wir sind sehr schnell zu dem Schluss gekommen, dass die Fortsetzung unserer Veranstaltungsserie der beste Beweis unserer Freundschaft und der Solidarität Deutschlands ist – und dass wir zusätzliche Angebote für die Menschen im Nordosten Japans schaffen müssen. Dies haben wir getan, sowohl mit unmittelbaren Nothilfemaßnahmen als auch mit Unterhaltungsangeboten. Gerade auch diese Unterhaltungsangebote wie Konzerte, Theateraufführungen oder Fußballworkshops sind von den Menschen im Tohoku dankbar angenommen worden, nicht nur als Aufhellung eines schwierigen Alltags, sondern auch als unmittelbarer Beleg dafür, dass die Deutschen an ihrer Seite stehen. Da im übrigen viele der für das Frühjahr 2011 geplanten Veranstaltungen verschoben werden mussten, haben wir uns entschlossen, die Serie zu verlängern, damit diese Veranstaltungen nachgeholt werden können. Wir rechnen jetzt mit dem offiziellen Abschluß der Veranstaltungen im Frühjahr 2012.
Im Fokus der Veranstaltungsreihe stand auch, „die Herzen der Jugend füreinander zu gewinnen“. Ist dies gelungen?
Wir sind in der glücklichen Situation, dass es bereits einen intensiven Austausch zwischen den jungen Generationen beider Länder gibt. Unsere Veranstaltungsserie hat lediglich den Blick dafür geschärft, wie breit und dynamisch dieser Austausch bereits ist. Nichts kann einen Botschafter mehr freuen als eine solche Erkenntnis! Alles staatliches Fördern hilft nämlich nichts, wenn nicht ein genuines, eigenes Interesse aneinander bereits da ist – und dies ist zum Glück der Fall. Zwei besonders gute Beispiele dafür sind die Popkultur zum einen und der Sport, insbesondere der Fußball, zum anderen. Die Konzerte von „Tokio Hotel“, die seit Dezember 2010 dreimal in Japan waren, waren ein Riesenerfolg. Das gleiche galt für die „Nächte der Freundschaft“, deutsch-japanische Popkonzerte, die im November 2011 in Tokyo und in Osaka stattgefunden haben. Die Mangaszene in Deutschland und Japan steht in engem Austausch; wie lebhaft dieser ist, konnten wir bei unserem Projekt „Nichimandoku“ verfolgen. Und wenn Sie sonntags die zahlreichen Deutschlandmeldungen in den japanischen Medien verfolgen, stellen Sie fest, dass über die Hälfte davon sich mit dem deutschen Fußball befasst. Ähnliches gilt, wenn Sie verfolgen, wie die sozialen Medien in Japan mit dem Deutschlandthema umgehen.
Deutschland entschied sich auf Grund der Katastrophe von Fukushima für den Ausstieg aus der Atomenergie. Wie wurde diese Politikwechsel in Japan aufgenommen?
Der beschleunigte deutsche Ausstieg aus der Kernenergie wurde in Japan mit so großer Aufmerksamkeit verfolgt, wie dies für ein Land möglich war, das sich einige Monate lang in allererster Linie um seine eigenen Opfer kümmern musste. Zweifellos bestehen in beiden Ländern unterschiedliche Philosophien, und Japan hält bis heute trotz Fukushima I grundsätzlich bis auf weiteres an der Kernenergie fest. Diese Haltung müssen wir respektieren und verstehen. Deutschland betreibt mit zahlreichen europäischen Ländern einen dynamischen Stromhandel. Nachfragespitzen können so leicht im grenzüberschreitenden Handel ausgeglichen werden. Japan ist bis heute ein isolierter Strommarkt, der zu 100 Prozent auf sich selber gestellt ist. Die uneingeschränkte Fähigkeit zur Selbstversorgung war hier immer schon eine entscheidende Motivation für den Ausbau der Kernenergie. Es gibt durchaus auch Kreise in Japan, die an einem Erfolg der deutschen Energiewende zweifeln. Allerdings haben gerade auch die Zweifler ein fortgesetztes großes Interesse am Dialog mit uns – nicht zuletzt, weil auch sie nicht ausschließen wollen, dass es uns letzten Endes doch gelingen wird, die Stromerzeugung, die bisher mit Kernenergie generiert wurden, durch erneuerbare Energien und durch Einsparung zu ersetzen. Wie auch immer die Präferenz des Einzelnen sein mag: Man möchte sich mit uns auseinandersetzen, und zwar häufiger und detaillierter als dies vor Fukushima I denkbar gewesen wäre.
Zu Beginn der Veranstaltungsreihe sprachen Sie in unserem Interview davon, dass Ihr Interesse für Japan auch durch die Anti-Atombewegung entstanden sei. Inwiefern hat Sie „Fukushima” persönlich betroffen?
Mein Interesse an Japan ist durch die europäische Anti-Atomwaffenbewegung – die Ostermärsche der 60er Jahre – geweckt worden, nicht durch die Anti-Atomkraftbewegung. Allerdings war ich von 1999 bis 2001 im Auswärtigen Amt Leiter des Referats für die zivile Nutzung der Kernergie, wo zu meinen Aufgaben auch zählte, die Hintergründe der deutschen Atomkraft-Ausstiegs-Entscheidung im Ausland zu erklären. Ein wichtiges Argument war damals das bei aller AKW-Sicherheit fortbestehende Restrisiko. Dessen Bedeutung wird nun in der Folge des Fukushima-Unglücks auch in Japan diskutiert.///














